Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 1
1. Juni 2011
1. Tag, Sonntag, 08.05.2011, Essen – Reuver (NL), 90,5 km,9:00-16:30 Uhr
Es ist sommerlich. Regine hilft mir, das Rad zu bepacken, dann geht es gegen 9:00 Uhr los. Zwei Straßenecken weiter merke ich, dass der Radcomputer noch gar nicht angebracht ist, stelle alle Werte auf Null und starte nun richtig. Früher habe ich Radcomputer immer für überflüssig gehalten, aber für so eine lange Tour habe ich mir doch einen von Tchibo zugelegt, um unterwegs ein paar objektive Daten zu erhalten. Durch Holsterhausen bis zur Wickenburg, von dort auf dem Radweg unterhalb der Margarethenhöhe bis MH. Durch MH und DU komme ich besser als gedacht. Hauptfeind in DU die Straßenbahnschienen. Heikel mit dem schweren Rad auf dem schmalen Streifen zwischen Schiene und Bordsteinkante zu balancieren. Fahre schließlich in der Schienenmitte. Radwege nur abschnittsweise. Schöne Sonntagmorgenstimmung. Typisches Ruhrgebiet. Jungen spielen auf Brache. Schon viel los vor dem Zoo. Orientiere mich mit Hilfe der Kartenfunktion im iPhone (Fußgängermodus). Besser als alle Routenplaner im Internet. Werde im Hafen von DU am Kreisverkehr fast angefahren. In Rheinnähe viele Menschen, ein Volksfest auf den Rheinwiesen kündigt sich an. Nach 25 Km fahre ich über die Rheinbrücke. Lange tuckert und stinkt ein Traktor mit leerem Anhänger für bestimmt 20 Mitfahrer neben mir her.
Durch Moers geht es über Neukirchen und Vluyn immer nach Westen. Komme durch Ort mit Straßenfest und Straßensperrung. Fahre Landstraße. Erste Pause nach 40 km und 3 Stunden an der Kirche von Schaephuysen. Esse meine Brötchen. Weiter geht´s über Aldekerk, Wachtendonk, Wankum und Herongen. Es läuft alles sehr gut. Habe meine ideale Trittfrequenz gefunden, komme schneller voran als gedacht, genieße die Bewegung und freue mich, wie leicht mir das Radeln fällt. Um 15:00 Uhr erreiche ich die Stadtgrenze von Venlo und bewundere die properen Villen am Stadtrand. Im Ort viele Radfahrer, aber kaum Schilder. Frage Mann auf Rad nach dem Weg ins Zentrum, nach Campingplatz und komme etwas ins Plaudern. Er empfiehlt mir einen Platz in Baarlo, ca. 10 km südlich von Venlo. Suche etwas nach der richtigen Ausfahrt aus der Stadt, erreiche die Maas und fahre am rechten / östlichen Ufer nach Süden. Merke zu spät, dass Baarlo auf der anderen Seite der Maas liegt. Habe von dieser Gegend noch keine Karten, weil ich mich auf die legendär guten Radwegebeschilderungen verlasse.
Auf meiner Seite sehe ich dann zum Glück ein Hinweisschild auf einen Campinplatz, das mich im rechten Winkel 2-3 km nach Osten vom Ufer weg führt. Frage unterwegs nach, weil keine Schilder mehr kommen. Lande gegen 16:30 auf dem Camping Natuur Plezier in Reuver, wo ich von der freundlichen Astrid nach kurzer Wartezeit empfangen werde. Für die Übernachtung zahle ich 7,90 Euro. Netter kleiner Platz mit einigen Dauercampern und Wohnmobiltouristen. Baue Zelt auf, leider in der Sonne. Drinnen ist es unerträglich warm. Die Dusche ist eine Riesenwonne. Nach dem Umziehen gehe ich im Ausflugslokal nebenan zwei große Alster trinken und esse ein Lachsbaguette. Gut besucht. Viele Wochenendtouristen, etliche davon mit Rädern. Sehe mehrere Elektro-Fahrräder. Viele Stammgäste. Man kennt sich. Die Grenze ist in Sichtweite. Niederländisch, Deutsch und Platt gehen mühelos durcheinander.
Mit dem letzten Tageslicht krieche ich in mein Zelt und mache ich mich für die Nacht zurecht. Eine meiner Motivationen für die Tour bestand darin, nach 21 Jahren mal wieder im Zelt zu leben. Anders als Regine verbinde ich damit positive Erinnerungen. In meiner ersten Nacht frage ich mich bereits, woher die stammen. Das Leben auf allen Vieren kommt mir recht mühsam vor. Obwohl ich ein 2-3 Personen-Zelt gekauft habe, Salewa Denali III, das mir beim Probeaufbau zu Hause noch reichlich überdimensioniert vorkam, finde ich es in meinem Kunststoff-Iglu eher eng. Vier Packtaschen, eine Lenkertasche und ein Haufen Kleinkram wollen neben einer Iso-Matte und Schlafsack untergebracht sein. Zu zweit würde ich in diesem Zelt nur im äußersten Notfall übernachten wollen. Nachts rutsche ich ständig von meiner 50 cm breiten Thermarest-Matte. Im Schlafsack komme ich mir vor wie eine ägyptische Mumie, kann mich kaum bewegen oder auf die Seite drehen.
Am Vormittag war das Fahren am schönsten. Alles noch ruhig und mild. Gute Luft. Mittags kommen mit der Hitze (ca. 25 Grad) der Wind und der Staub. Ich genieße, wie sich am Niederrhein die Landschaft weitet und höre den ersten Kuckuck rufen. Sein Ruf begleitet mich bis weit nach Frankreich hinein. Alles satt grün. Leider auch viel Ausflugsverkehr auf der Straße.
Die Strecke war sehr flach. Minimale Steigungen in MH. Statt der geplante 50 bin ich am Ende mit einigen Umwegen 90,5 km gefahren. Unterwegs wäre aber auch nicht viel gewesen, wo ich hätte übernachten wollen oder können.
Ich lerne, dass das berühmte Knotenpunktsystem der Radwege an der Maas mir ohne Karte wenig hilft. Zwar gibt es ab und zu Übersichtstafeln und man kann sich dort die nächsten Punkte merken oder notieren, die man ansteuern möchte (z.B. 17-18-33-34-51). Mir wäre für die Orientierung wesentlich lieber, wenn auf den Markierungen nicht nur Nummern, sondern auch Ortsnamen stünden. Die Radwege bedienen vor allem regionale touristische Interessen und sind nicht unbedingt für Tourenradler angelegt.
Dortmunder Unten
20. Januar 2011
Seit einer denkwürdigen Pressekonferenz im Frühjahr 2010 habe ich um das Dortmunder U einen großen Bogen gemacht. Damals war die Presse geladen, um über die Eröffnung dieses neuen Wahrzeichens des Ruhrgebiets zu berichten. “Eröffnung” erwies sich als dreister Schwindel. Geboten wurde den versammelten Pressevertretern eine Großbaustelle, die auf Teufel komm raus für ein einziges Wochenende so weit hergerichtet werden sollte, dass man der Öffentlichkeit vormachen konnte, Dortmund würde sein Hauptprojekt für das Kulturhauptstadtjahr doch noch vor dem 31.12. stemmen. Bei dieser Gelegenheit habe ich allerdings den schönen Begriff “veredelter Rohbau” kennen gelernt, mit dem damals das Desaster wenigstens sprachlich kaschiert werden sollte.
Als nun die Ruhrfestspiele Recklinghausen zur Pressekonferenz ins Dortmunder U einluden, um das Programm für 2011 vorzustellen, machte ich mich freudig erregt auf den Weg, nicht nur um die angekündigten Thatergrößen zu fotografieren, sondern um mir endlich auch ein Bild vom fertigen Gebäude zu machen. Ich werde in einem Jahr noch mal hinfahren müssen. Bis dahin wird dann wohl draußen die Baustelle abgeräumt sein, wird es ein Parkhaus oder Parkplätze geben und drinnen werden keine Kabel mehr aus den Wänden hängen. Immerhin war das Restaurant auf der Ebene 7 so weit hergestellt, dass die angekündigte Pressekonferenz stattfinden konnte.
Trotz dieser neuerlichen Enttäuschung über den Stand der Arbeiten am Gebäude bin ich gestern ein großer Fan des Dortmunder Us geworden. Von der 7. Ebene hat man nämlich einen so faszinierenden Blick auf das Dortmunder Unten, dass ich immer wieder aus dem Fenster fotografieren mußte.
Eindrücke von der Loveparade in Duisburg
24. Juli 2010
Mindestens 15 Menschen kamen heute gegen 17:00 Uhr bei einer Massenpanik während der Loveparade in Duisburg zu Tode. Viele andere wurden schwer verletzt. In den ersten Berichten, die ich danach im Fernsehen gesehen habe, waren schnell wieder Menschen zu sehen und zu hören, die von einer schönen, friedlichen Veranstaltung sprachen, die leider durch ein tragisches Ereignis überschattet wurde. Meine Eindrücke vor Ort waren völlig andere.
Ich hatte lange überlegt, ob ich zu dieser Veranstaltung fahren und Fotos machen sollte. Die Essener Loveparade mit ihrem die halbe Innenstadt bedeckenden Scherbenteppich, den vielen Verletzten und den zahllosen bis zum völligen Kontrollverlust Besoffenen und Bedröhnten ist mir noch in schlechter Erinnerung und die Vorstellung, dass die Veranstaltung in Duisburg auf einem abgehängten und abgesperrten Schotterplatz stattfinden sollte, hat mich auch nicht gerade angemacht. Am Ende habe ich mich aber doch durchgerungen und bin am frühen Nachmittag mit dem Zug von Essen nach Duisburg gefahren. Die Stimmung im Waggon wurde bestimmt von rauchenden, grölenden und massenhaft Alkohol konsumierenden Menschen in verschiedenen Gruppen, die den Wagen in Duisburg völlig verdreckt verließen. Einigen wenigen schien das Benehmen ihre Kumpel peinlich zu sein, die meisten anderen standen aber auf dem Standpunkt, heute ist Loveparade, da ist alles erlaubt, und sagten das auch laut und deutlich.
Vor dem Duisburger Hauptbahnhof fielen mir zuerst die vielen leeren Bier- und Schnapsflaschen auf, die überall herumlagen, danach die riesige Zahl von Polizisten, Ordnern, Feuerwehrmännern, Helfern, Sanitätern usw. Trotzdem drängte sich nicht gerade der Eindruck guter Organisation auf. Wegweiser zum Gelände der Loveparade waren schon kurz hinter dem Bahnhof nicht mehr zu finden, an diversen Absperrungen wurden zwar die Taschen nach Glasflaschen untersucht, aber so, dass sofort hinter jeder Absperrung wieder massenhaft Flaschen mit Hochprozentigem zu sehen waren. Nachdem ich mich zum Gelände und zum Presseeingang durchgefragt hatte, ging ich sofort auf die Pressebrücke, um ein paar Übersichtsaufnahmen zu machen. Noch bewegten sich die Floats, nach einer Weile blieben sie allerdings stehen und machten keinen Meter mehr. Was ich auf dem öden, staubigen Gelände sah, wirkte auf mich nicht einmal wie die schlechte Karikatur der Loveparade früherer Jahre. Ich fragte mich, warum sich Menschen das antun, und machte mich nach einer Stunde wieder auf den Rückweg.
Mit mir strömten erstaunlich viele Menschen zurück zum Hauptbahnhof, gleichzeitig zogen noch Massen zum Gelände. Im Hauptbahnhof stellte ich dann fest, dass überhaupt keine Züge mehr fuhren. Auf Nachfrage wurde ich auf den “Busersatzverkehr” verwiesen, den ich angeblich am anderen Ausgang des Bahnhofs finden sollte. Da war aber nichts. Stattdessen sagte mir ein Polizist, seit einigen Minuten würden wieder Züge fahren, ich sollte zurück in den Bahnhof gehen. Dort gab es wieder dieselbe Auskunft wie eine Viertelstunde vorher, und ich machte mich zusammen mit vielen anderen auf die Suche nach den Bussen.
Was ich weit hinter dem Bahnhof fand, waren drei große Gelenkbusse mit dem Ziel Krefeld, nahezu leer und unmittelbar vor der Abfahrt. Von Bussen zu anderen Städten war weit und breit nichts zu sehen. Ich umrundete den Bahnhof und betrat ihn erneut durch den Haupteingang. Nun hieß es drinnen, Züge nach Essen würden wieder fahren, “wahrscheinlich” auf Gleis 11, 12 oder 13. Zu den Gleisen durfte ich aber nicht die Aufgänge im Bahnhof nehmen, sondern mußte wieder durch den Hinterausgang hinaus. Irgendwo in der Nähe der Busse sollte man von außen auf die Gleise gelangen können. Vor und hinter dem Bahnhof suchten Massen von Menschen nach Bussen oder Gleisen. Die Stimmung war gereizt und es lag viel Aggressivität in der Luft, die sich unmittelbar neben mir plötzlich in einer Schlägerei entlud.
Als ich endlich den Zugang zum Gleis 12 in einem Tunnel unter dem Bahnhof gefunden hatte, war die Treppe nach oben durch Polizisten abgeriegelt. Im Tunnel staute sich eine unübersehbare Menge von Menschen, die offensichtlich auch alle nur noch weg wollten. Neben mir im Gedränge kam es fast wieder zu einer Schlägerei und ich dachte, dass es übel enden würde, wenn jetzt einige Leute durchdrehten. Zum Glück wurde die Treppe bald darauf frei gegeben, und etwa 10 Minuten später lief auch tatsächlich ein Zug ein, der mich wieder nach Essen brachte.
Für mich war diese Loveparade zu keinem Zeitpunkt eine “schöne, friedliche Veranstaltung”, sondern ein völlig ödes Event mit einer Unmenge von abgefüllten, aggressiven und enthemmten Menschen, mitten in einem gewaltigen Organisationschaos. Vom Tod so vieler Menschen erfuhr ich erst zu Hause durch den Anruf einer Freundin. Ich war entsetzt, aber nicht wirklich überrascht. Dass die Party noch stundenlag danach weiter lief, ist für mich unfassbar und verstärkt in mir den Eindruck, dass mit dieser Veranstaltung auch einige Verantwortliche total überfordert waren.







