Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 11

11. Tag, Mittwoch, 18.05.2011, Chateauneuf-sur-Loire – Bracieux, 96 km, 9:30 – 17:00 Uhr

Am Morgen ist mein Zelt völlig verklebt. Der Baum, unter dem ich geschlafen habe, hat eine Substanz abgesondert, die hunderte von Ameisen auf mein Außenzelt gelockt hat. Ich versuche sie abzuschütteln und packe das Zelt mit klebrigen Fingern zusammen. Am Abend werde ich es gründlich abspülen müssen. Der Eurovelo 6, von dem die vier Engländer erzählt haben, ist bestens ausgeschildert, hat einen guten Belag und bringt mich auf dem Loire-Deich schnell nach Westen. Ich frühstücke in Jargeau, werde Zeuge, wie auch eine ältere Deutsche dem Rubbel-Fieber erliegt, zwanzig Euro gewinnt und das Geld sofort wieder in neue Lose investiert. Auf der weiteren Fahrt genieße ich die ruhige Flusslandschaft der Loire mit ihren vielen Nebenarmen und großen Sandbänken. Der Fluss führt so wenig Wasser, wie ich es von früher aus dem Hochsommer kenne.

auf dem Eurovelo 6 an der Loire (c) Michael Kneffel

Nach so viel Weite und Stille habe ich keine Lust auf das große Orléans und beschließe, die Stadt südlich zu umfahren. Eine schlechte Entscheidung. In den Randbezirken der Stadt gerate ich in dichten Verkehr und muss eine ganze Weile suchen, bis ich in St. Hilaire – St. Mesmin wieder auf meinen Fernradweg treffe. Entschädigt werde ich kurz darauf aber in Meung-sur-Loire. Als ich in den kleinen Ort fahre, wirkt er zunächst völlig ausgestorben. Ein paar Ecken weiter, am Platz vor dem Chateau scheint es dann aber, als hätten sich alle Einwohner im alten „Café du Commerce“ verabredet. Ein gutes Zeichen. Wo so viele Einheimische einkehren, kann das Essen nicht schlecht sein. Und tatsächlich bekomme ich für 9,50 Euro einen großen Rohkostteller vom Buffet und eine ausgezeichnete Plat du Jour, das Tagesgericht. Dazu bestelle ich einen leichten, kühlen Weißwein aus der Region und eine große Karaffe Wasser.  Die Einheimischen halten sich an den Rotwein der Gegend und erweisen sich als trinkfest. Ich könnte stundenlang sitzen bleiben, zuschauen und zuhören, die entspannte Atmosphäre aufnehmen. Kurz nach 14:00 Uhr ist allerdings Schluss. Rechnungen werden an der Theke bezahlt. Die Mittagspause ist beendet.

die Loire bei Beaugency (c) Michael Kneffel

Über Beaugency setze ich meine Fahrt in Richtung Blois fort, passiere bei Lestiou ein AKW, dessen weiße Dampfschwaden aus den Kühlturm schon von weitem zu sehen waren, und mache mir allmählich Gedanken über den nächsten Campingplatz. Als ich das Schloss Chambord auf der Karte entdecke, ist der Fall klar. Ich fahre zu dem prächtigsten aller Loire-Schlösser, das ich schon von früheren Touren kenne, bin trotzdem wieder sehr beeindruckt, sehe mir eine Weile den Touristentrubel an und fahre dann weiter nach Bracieux am Südrand des großen Waldgebietes, von dem das Schloss umgeben ist. Auf dem ziemlich leeren Campingplatz stelle ich mein Zelt an einer Stelle auf, an der Regine und ich uns schon einmal in den 80ern niedergelassen haben. In meiner Nähe schlagen gleichzeitig sechs Engländer ihr Lager auf. Einer von ihnen hämmert auf seine Heringe ein, als wollte er das Zelt für die Ewigkeit verankern.

alter Mann mit Rad vor Chambord (c) Michael Kneffel

Nach einer Weile kommt der Älteste der Gruppe zu mir und lädt mich formvollendet auf eine Tasse Tee ein. Die sechs alten Knaben zwischen Ende 50 und 70 stammen aus Südengland, gehören einem Radsport-Club an, gehen öfter auf große Fahrt und haben sich in diesem Jahr vorgenommen, von Caen in der Normandie in zehn Tagen auf möglichst gerader Linie nach Saintes-Maries-de-la-Mer ans Mittelmeer zu fahren. Das bedeutet, mitten durch das Zentralmassiv und im Schnitt 100 Km am Tag zu radeln. Als ich erzähle, dass mein Plan genau darin besteht, möglichst alle Berge und Steigungen zu vermeiden, fragen mich zwei von ihnen sofort, ob ich noch Partner suche, und ernten von den anderen großes Gelächter. Die Sechs wirken auf mich sehr unterschiedlich, scheinen aber trotzdem als Gruppe gut zu funktionieren und viel Spaß miteinander zu haben. Der älteste von ihnen absolviert die Strecke im großen Wohnmobil, transportiert tagsüber das gesamte Gepäck, Stühle, einen großen Tisch und was man sonst noch alles für einen angenehmen Aufenthalt benötigt, zum nächsten Campingplatz und fährt dann am Zielort nur noch eine kleine Runde auf dem Rad. Beeindruckt bin ich von den HiTech-Rädern. Alle sehen brandneu aus, super gewartet, ohne einen Hauch von Staub oder Dreck.

Mein Rad hätte auch mal eine gründliche Reinigung und Wartung verdient. Das Zelt muss abgewaschen werden. Also nehme ich mir vor, am nächsten Tag einen Ruhetag einzulegen und solche Arbeiten zu erledigen. Nach 11 Tagen auf dem Rad wird mir eine Pause auch nicht schaden. Bevor ich mich von meinen Nachbarn verabschiede, frage ich noch, ob sie eine leistungsfähige Pumpe dabei haben, die ich mir kurz ausleihen kann, um wieder etwas mehr Druck in die Reifen zu bekommen. Einer von ihnen bringt mir eine Standpumpe, die ich kaum niederdrücken kann, und pumpt mir schließlich selbst die Reifen auf. Als er fertig ist, kommen ihm leichte Bedenken, dass der Druck nun möglicherweise zu hoch sein könnte, denn ihre Rennmaschinen laufen auf viel härteren Reifen als mein Tourenrad. Ich denke mir, lieber etwas mehr als zu wenig. Dass meine Reifen schon über 20 Jahre auf dem Buckel haben, gibt er anschließend fassungslos an seine Kumpel weiter.

Als ich abends durch den Ort gehe, den ich von früher als sehr lebendig in Erinnerung habe, bin ich ziemlich enttäuscht. Mit Mühe finde ich eine offene Bar, wo ich noch ein Bier trinken kann.

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