Schwindel und Koffein – Ein Erfahrungsbericht

Die erste Schwindelattacke

Es begann 1988. Ich saß in meinem Büro, als mir plötzlich schwindelig wurde. Alles um mich herum drehte sich, und mir wurde speiübel. Nie zuvor hatte ich eine solche Attacke erlebt. In meinem Kopf drehte sich ein Karussel, und jede Bewegung schien es zu beschleunigen. Ich hielt mich am Schreibtisch fest und versuchte zunächst, meine Lage möglichst nicht zu verändern. Nach einiger Zeit ließ der Schwindel etwas nach, und ich überlegte, was passiert sein könnte. Als Erklärung für meinen Zustand fiel mir nur ein heftiger Blutdruckabfall ein. Als ich mich endlich wieder traute, mich zu bewegen, ging ich sehr langsam, unsicher und schwankend zu einer Apotheke in der Nachbarschaft, um dort den Blutdruck messen zu lassen. Wer mich auf meinem Weg gesehen hat, wird möglicherweise gedacht haben, ich sei betrunken. Zu meiner Überraschung war der Blutdruck völlig normal. Was also war mit mir geschehen?

Heute weiß ich gar nicht mehr, wie lange die erste Schwindelattacke tatsächlich anhielt. Ich vermute, mindestens eine Woche – mit langsam abnehmender Tendenz. Eine Woche erwies sich in den folgenden Jahren nämlich als Mindestdauer. Es gab allerdings auch wesentlich längere Attacken. Mein „Rekord“ lag bei ungefähr vier Wochen. Zwanzig Jahre lang litt ich mindestens einmal im Monat, meist jedoch öfter unter diesem Schwindel.

Ältere Menschen erinnern sich wahrscheinlich noch an die Bildstörungen, die früher gelegentlich bei Röhrenfernsehgeräten auftraten. Aus irgendwelchen Gründen begann plötzlich das Fernsehbild von oben nach unten oder umgekehrt durchzulaufen. Mal langsam, ein anderes Mal rasend schnell. Bei meinem Schwindel verhielt es sich ganz ähnlich, nur dass das Bild von rechts nach links bzw. umgekehrt durchlief. Wer schon einmal seekrank war, weiß, wie sich das anfühlt.

Viele Ärzte, keine Hilfe

Mein Hausarzt, den ich während einer der folgenden Schwindelattacken aufsuchte, konnte mein Problem mit Hilfe einer speziellen „Brille“, die er mir aufsetzte, sofort nachvollziehen. Meine Augen bewegten sich nämlich hinter dieser „Brille“ ständig von einer Seite zur anderen, wahrscheinlich bei dem Versuch, den sich bewegenden Bildern zu folgen. Für ihn war die Diagnose schnell klar: Es handelte sich nach seiner Ansicht um einen „lagebedingten Schwindel“. Seine Erklärung: Im Gleichgewichtsorgan des Ohres befinden sich winzige kristallähnliche Teilchen. Wenn diese durch eine Erschütterung aus ihrer normalen Lage gebracht werden, sendet das Gleichgewichtsorgan im Ohr Signale an das Gehirn, die nicht zu den Signalen aus den anderen Gleichgewichtsorganen (Augen und Sensoren in den Muskeln) passen, und der Schwindel beginnt. Der Schwindel endet dann wieder, wenn diese „Kristalle“ in ihre ursprüngliche Lage zurück gelangen oder wenn das Gehirn es im Laufe mehrerer Tage lernt, die anfangs ungewohnten Signale als normal zu interpretieren. Zum Beweis seiner Theorie bewegte er meinen Kopf ruckartig hin und her, und tatsächlich ließ sich der Schwindel so provozieren oder verstärken. Seine Therapievorschlag lautete, dass ich während einer akuten Attacke den Schwindel immer wieder selbst durch schnelle Lageänderungen provozieren sollte, bis sich mein Gehirn daran gewöhnt hatte. Mit anderen Worten: Wenn es mir schlecht ging, sollte ich meinen Zustand gezielt verschlechtern, bis ich mich wieder besser fühlte! Daneben verschrieb er mir das Medikament „Vertigo-Vomex“. Tatsächlich konnten dieses Mittel die Übelkeit lindern – mehr aber auch nicht. Und seine Erklärung für den Auslöser der Attacken überzeugte mich gar nicht. Ich lief nur selten mit dem Kopf gegen die Wand, hüpfte nicht ständig auf einem Bein, bekam keine Treffer beim Boxtraining und kann mich auch ansonsten an keine ruckartigen Bewegungen erinnern, die meine Schwindelattacken ausgelöst hatten. Sie kamen scheinbar aus dem Nichts und begannen auch nach völlig ruhigen und bewegungsarmen Phasen.

Auf der Suche nach plausibleren Erklärungen und damit auch nach Möglichkeiten, die Schwindelattacken möglichst ganz zu vermeiden oder wenigstens zu verringern, habe ich in den folgenden Jahren zahlreiche Ärzte kennen gelernt: Orthopäden, Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten, Neurologen, Gefäßspezialisten usw., die mir alle nicht geholfen haben. Am übelsten ist mir ein HNO-Arzt in Erinnerung, die mir wochenlang täglich eine Spritze setzte, auch an den Wochenenden, in dem Versuch, die Durchblutung meiner Innenohren zu verbessern, und mit dem Ergebnis, dass ich mich schließlich von den Spritzen noch schlechter fühlte als jemals zuvor. Wenn die Ärzte mit ihrem Latein am Ende waren, durfte ich mir auch oft anhören, dass mein Problem „wahrscheinlich psychisch bedingt“ war.

Irgendwann gab ich es auf, bei Ärzten eine Erklärung und damit eine echte Therapie finden zu wollen. Ich versuchte, mich irgendwie mit dem Schwindel und den daraus resultierenden massiven Beeinträchtigungen meiner Lebensqualität abzufinden.

Koffein als Auslöser

Tatsächlich dauerte es ungefähr zwanzig Jahre, bis mir selbst ein Zusammenhang zwischen dem Beginn einer Schwindelattacke und dem Genuss von Koffein auffiel. Dass der Groschen so spät fiel, hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass ich gar nicht regelmäßig Kaffee trank und dass sich unterschiedliche Kaffeesorten sehr unterschiedlich auswirkten. Die Erleuchtung kam mir, nachdem in der Nachbarschaft ein neues Café eröffnet hatte, dessen  Einrichtung und Atmosphäre mich schnell anlockten. Von allen Seiten wurde der Cappuccino gelobt, also probierte ich ihn auch und war sofort vom großartigen Geschmack überzeugt. Ob ich gleich nach dem ersten Besuch eine Schwindelattacke bekam, weiß ich nicht mehr. Aber sehr bald spürte ich, wie sich nach einem Cappucchino etwas in meinen Ohren veränderte, ähnlich wie im Fleugzeug bei Start und Landung. Und nicht selten setzte danach der Schwindel ein. Manchmal schon nach wenigen Schlucken. Dieser Cappuccino war nicht nur besonders lecker, sondern anscheinend auch besonders stark. Ich mied also dieses Café und begann gleichzeitig darauf zu achten, ob es bei mir einen Zusammenhang zwischen dem Kaffeegenuss und dem Schwindel gibt. Schon bald war ich davon überzeugt, und mir wurde außerdem bewußt, dass schwarzer und grüner Tee ähnliche Beschwerden bei mir auslösten, je nach Stärke und Menge. Schließlich fiel mir noch auf, dass eine besonders starke Lakritzsorte, die ein Kollege aus den Niederlanden bezog und die er während diverser Besprechungen anbot, ebenfalls bei mir Schwindel auslösen konnte. Ebenso wie Koffein und Teein scheint Lakritz die Durchblutungs- und Druckverhältnisse im Ohr zu verändern und damit Einfluss auf das dortige Gleichgewichtsorgan zu nehmen.

Seit ich bewußt auf diese Stoffe verzichte, hat bei mir die Häufigkeit von Schwindelattacken stark abgenommen. Ganz verschwunden sind sie nicht, aber nach vielen schwierigen Jahren hat sich meine Lebensqualität erheblich verbessert. Heute trinke ich sogar hin und wieder wieder einen entkoffeinierten Kaffee, aber nicht überall. Auch der sogenannte entkoffeinierte Kaffee kann noch Reste von Koffein enthalten, und nicht immer bekommt man auch den Kaffee, den man bestellt hat.

Ärzte, denen ich in den letzten Jahren von meinen Beobachtungen berichtet habe, hat das in der Regel wenig bis gar nicht interessiert, und ich nehme an, dass sie meine Erfahrungen auch nicht an ihre anderen Schwindelpatienten weitergeben. Da ich aber weiß, wie sehr ständige Schwindelattacken das Lebensgefühl beeinträchtigen, habe ich diesen Blogbeitrag verfasst, der diesmal ganz ohne Fotos auskommt und so gar nichts mit meinen übrigen Themen zu tun hat. Mir ist bewußt, dass Schwindel sehr viele verschiedene Ursachen und Auslöser haben kann und dass der Verzicht auf Koffein längst nicht allen Betroffenen helfen wird. Ein Versuch kann aber auch nicht schaden.

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Les Sables d´Olonne im Juli – Frankreich pur und in Bestform

Vor fast 30 Jahren kamen wir zum ersten Mal nach Les Sables d´Olonne. Hinter uns lag eine wunderbare dreiwöchige Radtour durch den Südwesten Frankreichs. Vor der Heimfahrt wollten wir noch einige Tage das Meer und den Strand genießen und hatten uns dafür auf der Karte diesen Ort ausgeguckt. Nach den sehr ruhigen Fahrten durch die Wäldern der Landes und die Weinbaugebiete rechts und links der Gironde, war die Stadt fast ein Schock für uns. Der volle Strand, die Menschenmenge am Hafen, die belebten Gassen der Altstadt, so etwas waren wir nicht mehr gewohnt. Wir schwankten zwischen zwischen Faszination und Reizüberflutung. Unvergessen blieben uns in den folgenden Jahren aber die abendlichen Stunden auf der Promenade. In gebührenden Abständen präsentierten sich Akrobaten, Clowns und Musiker mit Gitarren oder Akkordeons. Und wenn letztere alte Chansons z. B. von Edith Piaf anstimmten, blieben dutzende Menschen aller Altersklassen stehen und sangen ganz selbstverständlich und aus tiefer Seele mit. Alle kannten die Texte auswendig. Die Atmosphäre war einfach wunderbar, sehr familiär, sehr entspannt und sehr französisch. Hier machte das Bürgertum Urlaub, Handwerker, Angestellte und Beamte der mittleren Einkommensklassen mit ihren Familien, vorwiegend aus der näheren Umgebung, wie man an den Autokennzeichen erkennen konnte. Es gab kein Chi Chi und kein Bling Bling, ganz anders als an der Cote d´Azur.

alte Ansicht von Les Sables aus den 80er Jahren

alte Ansicht von Les Sables aus den 80er Jahren

Nach einer sehr langen Pause hatten wir uns in diesem Jahr wieder für Les Sables als Urlaubsort entschieden. Wie hat sich die Stadt verändert? Werden die Menschen immer noch abends auf der Promenade singen und tanzen? An einem Sonntag Mitte Juli erreichen wir am späten Mittag unsere Unterkunft auf dem Cour Blossac. Es ist über 30 Grad heiß. Kein freier Parkplatz weit und breit. Zum Glück haben wir einen Platz in der Tiefgarage unseres Apartmenthauses reserviert und können im Kühlen auspacken und unser Apartment beziehen. Das Auto werden wir bis zu unserer Abreise keinen Millimeter mehr bewegen. Auch die mitgenommenen Räder werden viel seltener als anderen Orten zum Einsatz kommen. Dabei ist Les Sables ein sehr fahrradfreundlicher Ort. Es zeigt sich aber in den kommenden zwei Wochen, dass in fußläufiger Entfernung so viel Interessantes und Angenehmes zu finden ist, dass wir gar keine Lust auf größere Ausflüge haben. Sofort nach dem Auspacken ziehen wir unsere Badesachen an und gehen zum Strand. Nach etwa 60 Metern erreichen wir die Promenade und blicken zum ersten Mal auf´s Meer. Der Himmel strahlendblau, das Meer türkisfarben, sanfte Wellen an einem breiten, hellen Strand, Strandzelte und Sonnenschirme. Wir hören Möwen, das leichte Rauschen des Wassers und die Stimmen der Menschen, die sich am Strand vergnügen. So klingt der Sommer. Auf  der Promenade und dem Strand herrscht Hochbetrieb. Drei Minuten später sind wir im Wasser. Was für eine Wohltat bei diesen Temperaturen und nach einer zweitägigen Autofahrt. Sehr viele Mitschwimmer haben wir nicht gerade, was wohl an der Wassertemperatur von 19 Grad liegen mag. Das Wasser wirkt sehr sauber, und in zwei Wochen werden wir keinen Müll am Strand sehen, weder angeschwemmten noch von den Badenden hinterlassenen.

 

 

Auf dem Remblai

Kaum haben wir uns in unserer Unterkunft geduscht und umgezogen, zieht es uns schon wieder raus auf den Remblai, wie hier die Promenade heißt. In den folgenden zwei Wochen werden wir hier mehr Zeit verbringen als irgendwo anders in der Stadt. Vom frühen Morgen bis Mitternacht gibt es ständig etwas zu sehen. Um die 20 Cafés, Restaurants, Brasserien, Creperien laden hier auf über einem Kilometer Länge zum Essen, Trinken und Verweilen ein. Dazwischen verführen einige kleine Geschäfte mit mehr oder weniger nützlichen Dingen zum Stöbern und Geldausgeben. Dazu kommen Events rund um das Thema Segeln, verschiedene Märkte und Werbeveranstaltungen aller möglichen Unternehmen, welche die Badeorte an der Küste abklappern und zentnerweise Werbegeschenke verteilen. Möglich werden die vielen kleinen Events und Veranstaltungen erst dadurch, dass Autos hier nur einspurig, nur in eine Richtung und nur sehr langsam fahren dürfen. Die andere Hälfte der Fahrbahn ist für Radfahrer reserviert. Abends und an den Wochenenden wird die Promenade ganz für Motorfahrzeuge gesperrt. Erfreulicherweise bietet der Remblai auch unzählige Sitzmöglichkeiten für diejenigen, die gerade nichts konsumieren möchten, neben etlichen Bänken nicht zuletzt die Mauer über dem Strand.

 

Das schönste Café auf dem Remblai und in ganz Les Sables ist für uns das „L´Ocean Café“. Nach einem Brand im Jahre 2014 wurde es geschmackvoll und viel Liebe zum Detail im Stil einer Pariser Brasserie wieder aufgebaut. Der sympathische Besitzer freut sich, wenn er bei seinen Gästen Interesse an der Ausstattung bemerkt, und erzählt dann gern aus die Geschichte des 1874 geründeten Betriebes. Wert auf eine besondere Einrichtung hat man auch im „Café de la Plage“ gelegt, wo eine Innenwand eine verwitterte alte Byrrh-Reklame zeigt, wie sie früher in ganz Frankreich auf den Hauswänden zu sehen war. Eine andere Wand verweist mit einem Bild des Kommissars Maigret darauf, dass George Simenon einen Kriminalfall in Les Sables spielen und den trinkfreudigen Ermittler einige Gläser in eben diesem Café nehmen ließ. Aber auch Essen kann man hier gut, das Tagesmenue mit drei Gängen z.B. für knapp 16 Euro. Auf diesen Preis scheinen sich die meisten Restaurants in der Stadt verständigt zu haben, auch die etwa 30 bis 40 weiteren am Hafen. Ein spätes Glas Wein oder Bier haben wir gerne in der Brasserie „Comete“ getrunken, am Südende der Promenade. Insgesamt hat uns das Preisniveau in Les Sables angenehm überrascht. Es liegt spürbar niedriger als in anderen Küstenorten, die wir in den letzten Jahren besucht haben. In unserem Lieblingsrestaurant, dem „Terre et Mer“, haben wir für den genannten Preis nicht nur gut, sondern sogar ausgezeichnet gegessen. In unserer Heimatstadt Essen müßte man für ein Menue vergleichbarer Qualität mindestens das Dreifache bezahlen. Das „Terre et Mer“ liegt allerdings am Hafen, und zwar auf der Seite von La Chaume, von unserem Apartment einen guten Kilometer zu Fuß und eine Überfahrt mit der Hafenfähre entfernt. Gelohnt hat sich dieser Weg aber jedes Mal.

 

 

Live-Musik

Gegen 20 Uhr beginnt das Unterhaltungsprogramm auf dem Remblai. Sänger nur mit Gitarre oder Akkordeon, die Edith-Piaf-Chansons vortragen, haben wir leider nicht mehr erlebt, dafür fast jeden Abend drei Bands mit Verstärker- und Lichtanlage, verteilt auf drei Standorte. Die drei Musiker unserer Lieblingsband „Leonie“ stammen aus Les Sables und der Surfer-Szene der Stadt. Im Sommer touren sie mit ihrem Gute-Laune-„Surf-Pop“ und sehr eingängigen Ohrwürmern von einem Küstenort zum anderen, kommen aber regelmäßig in ihren Heimatort zurück. Die große Fangemeinde kennt alle Texte auswendig und singt begeistert mit. Von allen Bands, die wir gehört haben, war „Leonie“ mit Abstand die professionellste und beste.

Aber auch bei anderen Bands sind wir immer wieder gern stehen geblieben oder haben ihnen von der Terrasse des Cafés gegenüber zugehört. Neben den Live-Auftritten auf dem Remblai gab es noch diverse kostenlose Musikveranstaltungen im Museum des Ortes, im Jardin du Tribunal und anderswo, u. a. im Rahmen des Festivals „Vague de Jazz“. Besonders beeindruckt hat uns ein Auftritt der vier Saxophonisten von „Quatuor Machaut“, die im Kreuzgang der ehemaligen Abbaye Sainte-Croix alte und zeitgenössische Kompositionen mit eigenen Improvisationen verbanden. Musikalisch der Höhepunkt unseres Urlaubs. Das vielfältige und durchaus  anspruchsvolle Unterhaltungsprogramm unterscheidet Les Sables von vielen anderen Orten an der französischen Küste. In zwei Wochen und bei vielen Hundert Flaneuren fast an jedem Abend haben wir nie Betrunkene gesehen, nie Aggressionen oder Imponiergehabe erlebt. Es gab keine Glasscherben und keinen Abfall auf der Straße. Für Menschen, die aus dem Ruhrgebiet kommen, war das eine ungewohnte und überaus angenehme Erfahrung.

 

Akrobaten und Animateure

Mindestens so viele Zuschauer wie die Bands hatten verschiedene Akrobaten, Streetdancer und Animateure, die das Publikum in Bewegung brachten. Besonders beliebt waren die Jungs von „Streetsmile“, Breakdancer, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die ganz Jungen einzubeziehen und zum Lachen zu bringen. Während die Bands und Streetsmiler so professionell waren, immer wieder ihre Facebook- und Instagram-Adressen zu nennen, blieben die Namen der meisten Artisten leider unbekannt.

 

Stadt und Architektur

Blickt man aus größerer Entfernung auf Les Sables, dominieren die Apartmenthochhäuser an der Remblai das Stadtbild. Nicht unbedingt ein schöner  Anblick. Je näher man der Stadt kommt, fallen einem jedoch die vielen alten Villen ins Auge, die an der Promenade und in den Straßen dahinter die Bauwut früherer Jahrzehnte überlebt haben. In diesem Jahrzehnt hat Les Sables große Anstrengungen unternommen, seine architektonischen Kostbarkeiten zu schützen und herauszuputzen. Liebhaber der Bäderarchitektur kommen hier durchaus auf ihre Kosten.

 

Vor dem Tourismusboom lebte der Ort vom Salzhandel, dem Fischfang und der Konservenproduktion. Von diesen Industrien sind nur die Salzgewinnungsbecken in den nördlichen Nachbargemeinden und eine kleine Fischfangflotte übrig geblieben. Im Ortskern zwischen Remblai und Hafen findet man aber noch viele kleine Arbeiter- und Fischer-Häuser. Das Gleiche gilt für den Ortsteil La Chaume auf der anderen Hafenseite, den mancher Einheimische als das wahre, ursprünglichere Les Sables bezeichnet. Aber auch dort welchseln immer mehr Häuser die Besitzer, werden zu Feriendomizilen für wenige Wochen im Jahr. Viele Alteingesessene können sich das Wohnen im Ort nicht mehr leisten, wie die Stadtführerin Priscilla berichtete, mit der wir an zwei Nachmittagen durch Les Sables und La Chaume gewandert sind. Neben den kleinen Häusern ist die verwinkelte Anlage der Straßen in den älteren Ortsteilen typisch. Beim Bau der Stadt wollte man vermeiden, dass die stürmischen Seewinde durch gerade Straßenzüge fegen und Kälte und Zerstörungen bringen. Viele der Verbindungsstraßen sind so schmal, dass sich dort Fußgänger und Radfahrer nur bei gegenseitiger Rücksichtnahme begegnen können. Die Rue de l´Enfer, als schmalste Straße der Welt im Guiness-Buch der Rekorde vermerkt, ist an ihrem unteren Ende sogar nur noch 40 Zentimeter breit.

 

 

Wer zum ersten Mal nach Les Sables kommt, wird einige Mühe haben, sich in den Gassen zu orientieren. Unfreiwillige Umwege lassen einen aber immer wieder auch Neues entdecken wie z. B. die Muschelmosaiken an den Wänden des Quartiers de l´Ile Penotte. Spaziergänge werden auf diese Weise nie langweilig. Zwischen Strand und Hafen befinden sich natürlich auch noch eine große Markthalle mit einem beachtlichen täglichen Lebensmittelangebot sowie etliche Geschäfte mit allem, was man zum täglichen Leben und im Urlaub benötigt. Die Geschäftsstraßen sind zum Glück längst in Fußgängerzonen umgewandelt worden. In den befahrbaren Straßen wird es im Juli mitunter etwas mühsam für die Fußgänger, sich zwischen parkenden Autos und Hauswänden hindurchzuschlängeln. Um den Verkehr zu reduzieren, bietet Les Sables wie andere Küstenorte auch inzwischen einen kostlosen Busverkehr an, der alle wichtigen Punkte der Stadt miteinander verbindet.

im Süden der Strand, im Norden der Hafen, im Osten La Chaume - eigentlich ganz einfach / Auszug aus dem Stadtplan, Quelle: Office de Tourisme

im Süden der Strand, im Norden der Hafen, im Westen La Chaume – eigentlich ganz einfach / Auszug aus dem Stadtplan, Quelle: Office de Tourisme

 

Schon am ersten Tag unseres Urlaubs haben wir uns gefragt, warum wir so viele Jahre haben verstreichen lassen bis zu unserer Rückkehr nach Les Sables. Die Stadt hat nichts von ihrem ganz besonderen Charme verloren. Hier ist Frankreich ganz bei sich. Mit Sicherheit werden wir auch im nächsten Jahr unseren Urlaub dort verbringen. Zwei Wochen haben längst nicht ausgereicht, den ganzen Ort näher kennen zu lernen, von der Umgebung ganz zu schweigen. Am schönsten sei es im Winter in Les Sables, hat uns der Patron des L´Ocean Cafés versichert. Warum nicht? Auch im Juli war es mitunter ganz schön windig. Der Begeisterung für diesen herrlichen Badeort hat das keinen Abbruch getan. Im Gegenteil.

 

 

Mit dem Brompton an der Mosel – ein Fahrradtest und Reisebericht

auf der Moselbrücke in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel
auf der Moselbrücke in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel

Mein erstes Brompton-Faltrad habe ich vor 10 Jahren gekauft, ein rotes, ohne Licht, ohne Schutzbleche und ohne Gepäckträger, nur mit einer 3-Gang-Schaltung.  Gesucht hatte ich eine Möglichkeit, bei Fotoprojekten auf weiten Arealen auch mit einer großen Fotoausrüstung schnell und komfortabel von A nach B, C, und E zu kommen, und bei Bedarf, z.B. wenn das Licht gewechselt hat, auch schnell wieder zurück. Das Bromton schien mir dafür das ideale Fortbewegungs- und Transportmittel zu sein. Leicht und sehr klein zusammenfaltbar konnte ich es problemlos im Autokofferaum oder im Zug mitnehmen. Vor Ort war es in Sekundenschnelle fahrbereit und ein echter Packesel für meine Ausrüstung. Profitiert habe ich dabei von einem ausgefeilten Gepäcksystem bestehend aus einem Trägerblock, der dauerhaft vorne am Rahmen befestigt wird, und einem enormen Angebot an Taschen aller Art. Am liebsten war mir die sogenannte Einkaufstasche, oben offen und mit über 20 Litern Volumen sehr geräumig. Selbst meine großen Crumpler-Fototaschen fanden darin Platz, und bei Bedarf konnte ich oben drauf auch noch ein Stativ quer legen und mit zwei Klettbändern befestigen. 10 Kilo Gepäck sind auf diese Weise vorne möglich und beeinträchtigen das Manövrieren nicht im geringsten, weil das Gewicht ja nicht am Lenker hängt. Auf diese Weise habe ich mir bei vielen Einsätzen platte Füße und schmerzende Schultern erspart.

mein Brompton von 2006, noch ohne Brooks-Sattel, aber schon mit Trägerblock vorn am Rahmen © Michael Kneffel

mein Brompton von 2006, noch ohne Brooks-Sattel, aber schon mit Trägerblock vorn am Rahmen © Michael Kneffel

... und hier zusammengefaltet © Michael Kneffel

… und hier zusammengefaltet © Michael Kneffel

Immer öfter hat mich das Brompton dann auch auf Reisen begleitet, wenn ich keine Lust hatte, den Dachgepäckträger auf dem Auto zu montieren und eines meiner großen und z. T. nicht gerade leichten Räder hochzuwuchten. Mein Hollandrad wiegt weit über 20 Kilo und selbst mein Treckingrad kommt noch auf über 15. Anfangs habe ich das Brompton noch unterschätzt, aber mir wurde nach und nach klar, dass es mit seiner 3-Gang-Schaltung locker mit meinem Hollandrad mithalten konnte. Ein nachgekaufter Brooks-Sattel brachte den nötigen Sitzkomfort. Und gut gefedert ist das kleine Rad durch einen Gummipuffer in der Rahmenkonstruktion allemal. Tagestouren von bis zu 40 Kilometern waren überhaupt kein Problem. Für lange Radtouren, auf denen ich Zelt, Schlafsack, Isomatte usw. mitnehmen wollte, habe ich dann aber doch lieber mein Trekkingrad benutzt. Bei meiner letzten großen Tour von Essen an die französische Atlantikküste habe ich allerdings auch gemerkt, dass das Leben in einem kleinen Zelt und auf allen Vieren nicht mehr mein Ding ist. Und auch das lange Warten morgens, bis das Zelt trocken ist, hat mich dazu gebracht, in Zukunft lieber nach netten Zimmern Ausschau zu halten.

Taugt das Brompton auch als Tourenrad?

Nach der inneren Verabschiedung von der schweren und voluminösen Campingausrüstung konnte ich mir schon bald vorstellen, eine mehrtägige Tour auch mit dem Brompton zu unternehmen, und vor einigen Wochen nahm die Idee Gestalt an, vier Tage lang die Mosel entlang zu fahren. Dafür fehlte mir an meinem Rad allerdings so einiges: eine größere Auswahl an Übersetzungen, Schutzbleche gegen Nässe auf der Straße, gutes Licht und nicht zuletzt ein Gepäckträger. Eine Probefahrt bei meinem Essener Händler mit einem neuen Brompton überzeugte mich schon nach wenigen Metern von der 6-Gang-Schaltung und außerdem von der höheren Lenkerposition des H-Modells, die ein aufrechteres Fahren und damit eine bessere Wahrnehmung der Umgebung erlaubt. Mit ein wenig Wehmut beschloss ich, meinem geliebten roten Brompton untreu zu werden und ein neues Rad zu bestellen, diesmal ein schwarzes. Mitgeordert habe ich gleich das sogenannte Rack Pack, die einzige Brompton-Tasche für den Gepäckträger. Deutlich länger habe ich darüber nachgedacht, welche Tasche ich vorne nutzen sollte. Brompton-Tourenfahrer legen sich dafür nach den einschlägigen Berichten im Internet ganz überwiegend die sogenannte T Bag  zu, das größte Modell im Angebot mit 28 Litern Fassungsvermögen und diversen Außentaschen und -netzen. Ich habe mich dann aber dazu entschlossen, die alte Einkaufstasche zu behalten. In ihr brachte ich schließlich einen Tagesrucksack unter, der meine Bekleidung für vier Tage enthielt sowie meine Wertsachen und diversen Kleinkram. Daneben war in der Einkaufstasche noch Platz für Werkzeug, ein Erste-Hilfe-Set, Sonnencreme, Sonnenbrille, etwas Proviant, zwei Halbliter-Wasserflaschen, die Fahrradhülle für den Transport des zusammengelegten Rades im Zug und natürlich die Karte von der Mosel-Region, die immer schnell greifbar sein sollte. Dazu kam ein Regenüberzug für die gepackte Tasche. Alles zusammen wog etwa 8 Kilo. In die hintere Tasche packte ich mein Waschzeug, ein Paar Sandalen, einen Reiseführer und meinen Helm während des Zugtransports. In die Satteltasche kamen zwei weitere Halbliter-Wasserflaschen – für die Tourentage waren hochsommerliche Temperaturen vorhergesagt –  und die Luftpumpe. Serienmäßig ist die Pumpe an einer Hinterradstrebe befestigt, aber dort hatte ich einen Ständer angebracht, der sich während der Tour als  äußerst praktisch erweisen sollte. Mit einer Tasche auf dem Gepäckträger lässt sich das Hinterrad nämlich nicht mehr zum Parken unter den Rahmen klappen, und auf offener Strecke findet sich nicht überall eine Mauer oder ein Baum zum Anlehnen des Rades.

mein komplett bekacktes Rad mit Ständer und Faltschloss auf dem Rahmen auf dem Bahnsteig in Bullay © Michael Kneffel

das komplett bepackte neue Rad mit Ständer und Faltschloss auf dem Rahmen © Michael Kneffel

Am letzten Dienstag war es dann so weit. Mit dem neuen Rad, dem Rucksack noch auf  dem Rücken und dem Rack Pack an seiner Stelle in der Einkaufstasche vorn fuhr ich gegen 8:30 Uhr zum Essener Hauptbahnhof, faltete das Rad auf dem Bahnsteig zusammen und machte es mit der Transporthülle zum kostenfreien Gepäckstück. Im vollen ICE nach Koblenz konnte ich das Rad mühelos zwischen zwei Sitzreihen schieben, die mit den Rückenlehnen zusammen stießen. Auch der Umstieg in Koblenz und die Weiterfahrt im Regionalexpress verliefen problemlos, obwohl sehr viele andere Radler mit ihren großen Rädern einstiegen. Ich konnte das Brompton aber auch hier zwischen zwei Sitzreihen verstauen und musste nicht um einen freien Transportplatz im Radabteil kämpfen. Allerdings spürte ich schnell, dass das neue Rad mit Schutzblechen, Lichtanlage, Gepäckträger, Ständer, einem soliden Faltschloss (Abus Bordo) auf dem Rahmen und einem kleinen Werkzeugsatz im Rahmen, dem sogenannten Tool Kit, spürbar schwerer ist als mein altes rotes Rad. Ca. 3,5 Kilo mehr, ungefähr 14 Kilo insgesamt, wollten nun bewegt werden. Dazu kamen etwa 10 Kilogramm Gepäck.

Tag 1 – Von Bullay bis Rißbach

Für den Beginn meiner Moseltour hatte ich mir Bullay in der Nähe von Zell an der Mittelmosel ausgesucht. Von früheren Wandertouren kenne ich den Abschnitt moselabwärts zwischen Zell und Cochem schon ganz gut und wollte mir diesmal den Flussabschnitt moselaufwärts in Richtung Trier etwas näher ansehen. Es ging mir nicht darum, möglichst weit in möglichst kurzer Zeit zu fahren, sondern die Landschaft zu genießen und mir die kleinen Weinbauorte entlang des Flusses anzusehen. Auf der rechten Moselseite fuhr ich gegen 12 Uhr los Richtung Zell. An etlichen Stellen des Radweges hatten Baumwurzeln das Pflaster hochgedrückt, was für eine etwas unruhige Fahrt sorgte. An meinem brandneuen und überall noch reichlich gefetteten Rad rutschte die Sattelstütze auf dieser Hoppelpiste mehrmals nach unten und ich mußte mein Brompton-Werkzeug aus dem vorderen Rahmenrohr holen, was bei einem vollbepackten Bromton eine etwas umständliche Übung ist. So clever ich die Unterbringung des Tool Kits im Rahmenrohr finde, in Erwartung weiterer Einstellarbeiten am neuen Rad packte ich das Werkzeug lieber griffbereit in die vordere Einkaufstasche. In Zell überquerte ich den Fluss auf der Fußgängerbrücke im Zentrum hinüber zum Ortsteil Kaimt.

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Blick auf Zell von der Fußgängerbrücke © Michael Kneffel

Lange habe ich mich diesmal nicht in Zell und Kaimt aufgehalten, weil ich schon in einigen Wochen zum Wandern wieder dorthin zurückkehren werde. Aber auch diesmal habe ich einige Minuten vor dem prächtigen Weingut Treis in Kaim angehalten, um dieses wunderschöne Fachwerkhaus zu bewundern.

Fassade des Haupthauses des Weinguts Treis in Zell-Kaimt © Michael Kneffel

Fassade des Haupthauses des Weinguts Treis in Zell-Kaimt © Michael Kneffel

Auf der linken Moselseite ging es nach einem kurzen aber knackigen Anstieg etwas oberhalb des Flusses durch die Weinberge weiter in Richtung Briedel. Auf meiner Tour sollte ich sehr viele Fahrer von E-Bikes sehen, von denen mich viele zügig überholten. So einen Anstieg wie den erwähnten nehmen selbst alte und offensichtlich wenig trainierte Fahrer der Elektromotorrädern völlig mühelos, aber auch ich kam im leichtesten Gang meiner Sechs-Gang-Schaltung gut hinauf. Mit meiner alten Drei-Gang-Schaltung hätte ich hier mit Sicherheit schon absteigen und schieben müssen. Auf der Höhe von Briedel nahm ich die Fähre, um zum Ort hinüberzusetzen – mit 1,50 Euro ein preiswertes Vergnügen.

auf der Fähre nach Briedel © Michael Kneffel

auf der Fähre nach Briedel © Michael Kneffel

Beim örtlichen Bäcker kaufte ich mir zwei Teilchen für eine kurze Rast und stieß in dem ruhigen Örtchen auf weitere herrliche Fachwerkbauten, die, wie die Hochwassermarken an den Wänden zeigen, schon mehr als einmal mit der Mosel Bekanntschaft gemacht haben.

prächtige Fachwerkhäuser in Briedel © Michael Kneffel

prächtige Fachwerkhäuser in Briedel © Michael Kneffel

Am netten Pünderich vorbei fuhr ich wieder auf der rechten Moselseite zusammen mit vielen anderen Radlern bis auf die Höhe von Reil und überquerte den Fluss auf der Straßenbrücke. Vor zwei Jahren war ich hier schon einmal mit dem Auto vorbei gekommen und erinnerte mich noch gut an ein sehr leckeres Essen und einen großartigen trockenen Riesling auf einer schön gelegenen Terrasse vor dem Gasthof Traube. Für ein Essen war es aber noch zu früh, und ich fuhr auf der linken Moselseite weiter in Richtung Traben-Trabach. Der Radweg verläuft neben der Bahnstrecke auf der Straße, was mein Vorwärtskommen beschleunigte, mir aber auch einigen Verkehrslärm eintrug, zum ersten Mal seit dem Start der Tour. Irgendwo vor Traben-Trarbach muss ich eine Abbiegung des Radweges verpasst haben und stieg mit der Landstraße auf eine beachtliche Höhe über der Mosel. Bei einer Temperatur von gut über dreißig Grad hätte ich mir diesen Anstieg gern erspart, zumal die letzten Meter durch Neubaugebiete nicht besonders reizvoll waren. Wie hoch ich geklettert war, merkte ich erst, als ich mich, schon weit im Ort, entschied, wieder an das Moselufer hinabzuschießen. Traben-Trarbach, das ich auf einer früheren Reise mit dem Auto schon einmal kennengelernt habe, zählt trotz des berühmten Jugendstilhotels Bellevue nicht zu meinen Lieblingsorten an der Mosel. Mein Ziel war der Campingplatz etwas jenseits des Ortskerns im Stadtteil Rißbach. Bei meiner Tourvorbereitung hatte ich gesehen, dass es dort die Möglichkeit gibt, in einem sogenannten Weinfass zu übernachten. Auf dem Campingplatz angekommen, fühlte ich mich wie in den Niederlanden. 80 Prozent der Camper dürften von dort stammen, und an der Rezeption wurde fließend Nederlands gesprochen. Zu meinem Glück war ein Fass in der ersten Reihe am Ufer frei, so dass ich von dort nicht nur auf Wohnmobile und Autos gucken mußte, sondern einen schönen Blick auf den Fluss hatte. Mit 49 Euro pro Nacht für eine Person fand ich die Übernachtung im Fass nicht gerade billig, zumal ich Matratze und Bettzeug selbst beziehen musste und auch kein Frühstück im Preis enthalten war, aber kurz vor 17 Uhr freute ich mich nach einer sehr heißen Etappe auf eine Dusche und die Möglichkeit, die Beine hochzulegen.

Brompton vor

Brompton vor „Weinfass“ auf dem Campingplatz in Rißbach © Michael Kneffel

im

im „Weinfass“ auf dem Campingplatz in Rißbach © Michael Kneffel

Das sogenannte Weinfass, das natürlich nie zur Lagerung von Wein gedient hat, besteht im wesentlichen aus einem Vorraum mit zwei Bänken, einem ausziehbaren Tisch, viel Stauraum und einem höher gelegenen Schlafabteil mit Fenster. Im Stauraum unter der Schlafebene scheint noch ein Kühlschrank zu stehen, und unter der Decke im Vorraum ist eine Heizung angebracht, die ich abends auch tatsächlich eingeschaltet habe. Nachts wurde es am Wasser nämlich erstaunlich kühl. Nach einer herrlichen Dusche im gepflegten Waschhaus des Platzes habe ich noch eine Stunde an dem großen Holztisch vor dem Fass gesessen, bevor ich mich auf Nahrungssuche im Ortsteil Trarbach auf der anderen Moselseite begab. Fündig wurde ich schließlich auf der Terrasse vor dem Restaurant Storcke-Stütz, wo ich sehr lecker gegessen und und zwei schöne trockene Rieslinge probiert habe. Auf der Rückfahrt zu meinem Fass freute ich mich über die gute Lichtanlage an meinem Rad. In der Nacht ist es an der Mosel nämlich stockdunkel, ganz anders als zu Hause in der Großstadt.

Am ersten Tag meiner Tour war ich mit allen Ortsbesichtigungen ca. 30 Kilometer gefahren. Das neue Brompton war gut gelaufen und hat mir auf dieser Etappe viel Freude bereitet.

Tag 2 – Von Rißbach nach Piesport

Nach einem guten Frühstück im Restaurant meines niederländischen Campingplatzes machte ich mich kurz nach 9 Uhr wieder auf den Weg und wechselte sofort auf der neuen Brücke hinter dem Campingplatz, die mir nachts mitunter das Gefühl verschafft hatte, dass Autos und Motorräder direkt durch mein Fass fahren, auf das andere Moselufer, wo es sofort sehr beschaulich und deutlich ruhiger wurde. Am schönen Ort Wolf vorbei ging die Fahrt mit Blick auf Kröv und seine Weinberge am anderen Ufer. Eine Flussbiegung später passierte ich die kleinen und sehr nett wirkenden Örtchen Kindel, Lösnich und Erden. Hinter Erden kamen schließlich die Brückenpfeiler der neuen Hochmoselbrücke vor Rachtig in Sicht. Die Mehrzahl der z. T. gigantischen Pfeiler ist bereits fertig gestellt, und auch ein Teil der Fahrbahn ragt bereits in das Moseltal hinein. Noch kann man nur ahnen, wie sehr dieses Bauwerk die Landschaft im Moseltal dominieren wird.

Bau der neuen Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachting © Michael Kneffel

Bau der neuen Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachtig © Michael Kneffel

Die unmittelbare Umgebung der Baustelle gehörte nicht zu den schönsten Abschnitten meiner Tour, war aber schnell passiert, und in Zeltingen-Rachtig wechselte ich wieder auf das linke Moselufer und steuerte nach einer kurzen Pause an der großen Schleusenanlage Bernkastel-Kues an, wahrscheinlich der touristische Hotspot der Mittelmosel. Gegen Mittag erreichte ich die hübsche Stadt, überquerte die Brücke und schob mein Rad durch die belebten Altstadtgassen. Vor den Cafés und Restaurants war jeder Stuhl besetzt, und schon bald machte ich mich wieder auf den Weg, in der Vorfreude auf etwas ruhigere und kleinere Orte.

Fachwerkhäuser am Marktplatz in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel

Fachwerkhäuser am Marktplatz in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel

am Marktplatz in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel

am Marktplatz in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel

Auf der rechten Moselseite bleibend radelte ich den Nachmittag über gemächlich flußaufwärts, wobei mir besonders Brauneberg und die Anblicke der Orte Kesten und Minheim auf dem anderen Ufer gefielen. Nach 16 Uhr erreichte ich schließlich Piesport. Hier sah ich mich nach einem erneut sehr heißen Tag nach einer Unterkunft um. An diesem Tag war ich ca. 45 Kilometer geradelt, und mein Brompton hatte seine Sache wieder gut gemacht. Die Sitzposition mit dem etwas höheren Lenker war ideal für diese Art der Radwanderung, bei der es mir darum ging, viel von meiner Umgebung zu sehen. Irritiert hat mich allerdings ein leichtes, helles Knacken an der linken Seite des Tretlagers, das sich bei jeder Pedalumdrehung wiederholte. Ich vermutete, dass irgendwo im Bereich des Tretlagers oder des Pedals etwas Fett fehlte. Meine Versuche, das Geräusch durch Schmierstoff aus einer kleinen Spraydose, die ich im Gepäck hatte, zu beseitigen, blieben erfolglos. Nach längeren Pausen war das Knacken zunächst verschwunden, aber nach jeweils etwa einer Stunde Fahrt trat es verlässlich wieder auf.

Übernachtet habe ich schließlich im Weinhaus St. Joseph, einem schönen, alten Moselschieferhaus der Familie Spang, die eine der vielen Bett-and-Bike-Stationen an der Mosel betreibt. Nach einer sehr wohltuenden Dusche und einer Erholungspause im kühlen Haus musste ich am Abend nur wenige Meter laufen, um in der edlen Straußwirtschaft und Vinothek des Weingut Franzen ein ausgezeichnetes Abendessen zu bekommen. Dabei saß ich zusammen mit vielen anderen Gästen in einem zur Mosel abfallenden Garten und blickte auf die Weinberge im Abendlicht.

Weinhaus St. Joseph, Bett and Bike in Piesport © Michael Kneffel

Weinhaus St. Joseph, „Bett and Bike“ in Piesport © Michael Kneffel

Tag 3 – Von Piesport nach Reil

Eigentlich hatte ich vor, an den folgenden beiden Tagen weiter bis nach Trier zu fahren, nicht zuletzt deshalb, weil es dort die erste Möglichkeit nach Traben-Trarbach gab, wieder in einen Zug Richtung Heimat zu steigen. Nach dem Studium der Karte beschlich mich aber das Gefühl, dass die Umgebung von Trier nicht mehr so reizvoll sein würde, wie der Moselabschnitt, den ich gerade kennen gelernt hatte. Ich beschloss deshalb, wieder zurück in Richtung Bullay oder sogar weiter bis Cochem zu radeln und dabei jeweils die Moselseite zu erkunden, die ich noch nicht kannte. Nach einem guten und reichlichen Frühstück, das ich zusammen mit zwei anderen Radlern genoss, von denen der eine weiter an die französische Atlantikküste wollte und die andere flussabwärts nach Koblenz, und nachdem ich 40 Euro für die Übernachtung mit Frühstück bezahlt hatte, brachte ich mein Gepäck in den Fahrradraum und stellte überrascht fest, dass meine beiden Reifen sich sehr weich anfühlten. Vor der Tour hatte ich sie auf 6 Bar aufgepumpt. Maximal 6,8 Bar oder 100 PSI wären möglich gewesen. Schon wenige Kilometer hinter Bullay hatte ich am ersten Tag aber wieder etwas Luft abgelassen, weil ich zu hart durchgerüttelt wurde. Am Morgen in Piesport war aber eindeutig zu wenig Luft in den Reifen. Ich pumpte mit der Handpumpe ordentlich Luft nach, ohne allerdings zu wissen, wie hoch der Druck nun tatsächlich war. Bei den brandneuen Schläuchen hätte ich mit einem so schnellen und starken Druckabfall nicht gerechnet. Kurz nach 9 Uhr saß ich dann wieder auf dem Rad und war fasziniert von einer wunderbar ruhigen, spiegelglatten Mosel. Die ersten Stunden am Morgen sind für mich auf Radtouren immer die schönsten.

die Mosel bei Piesport am Morgen © Michael Kneffel

die Mosel bei Piesport am Morgen © Michael Kneffel

Kurz vor Minheim wechselte ich auf die linke Flussseite und genoss von der Brücke die Aussicht auf die Moselschleife im leichten Morgendunst.

Blick auf die Moselschleife bei Minheim © Michael Kneffel

Blick auf die Moselschleife bei Minheim © Michael Kneffel

Noch waren kaum andere Radfahrer unterwegs. So leicht wie an diesem Morgen war mir das Fahren am Vortag nicht gefallen. Der höhere Reifendruck machte sich positiv bemerkbar, aber auch das leichte Gefälle des Moseltales. Schließlich ging es nun immer bergab. Vorbei an Kesten, wo andere Radfahrer noch im Garten des eindrucksvollen Gasthauses Himmerroder Hof beim Frühstück saßen, erreichte ich die Nachbildung einer alten römischen Kelteranlage kurz vor Lieser. Hier wurde schon im dritten Jahrhundert n. Chr. Wein produziert. Lieser mit seinem eindrucksvollen Schloss bereitete sich noch auf ein Wein- und Straßenfest vor, das am Mittag beginnen sollte. Einige Straßen waren gesperrt und überall wurden Stände, Tische und Bänke aufgebaut.

Schloss Lieser © Michael Kneffel

Schloss Lieser © Michael Kneffel

Kurz vor 12 Uhr erreichte ich zum zweiten Mal auf meiner Tour Bernkastel-Kues. Diesmal nahm ich mir mehr Zeit für den Ort und gönnte mir zunächst ein großes Stück Pflaumenkuchen mit Sahne und einen Milchkaffee vor dem alten Café Hansen am Markt, neben mir muntere Rentner aus Skandinavien, die wie Stammgäste behandelt wurden. Nachdem ich mir das Treiben auf dem Platz angesehen hatte, schob ich mein Rad noch eine Weile durch die malerischen Gassen. Von den größeren Orten an der Mosel ist Bernkastel-Kues eindeutig mein Favorit.

Graach mit dem Mattheiser Hof © Michael Kneffel

Graach mit dem Mattheiser Hof (rechts) © Michael Kneffel

Vorbei am schönen Graach mit seinem Mattheiser Hof fuhr ich auf dem rechten Moselufer weiter bis Zeltingen-Rachtig. Hier überquerte ich den Fluss, um mir das Kloster Machern mit seiner Brauerei und verschiedenen anderen Einkehrmöglichkeiten anzusehen. Danach blieb ich auf der linken Moselseite und passierte zügig Ürzig, Kinheim und Kröv. Von der anderen Flussseite aus haben mir diese Orte besser gefallen als aus der Nähe, und auch das Fahren auf oder direkt neben der Straße fand ich nicht besonders angenehm. In Traben-Trarbach wechselte ich wieder die Seite und fuhr durch bis Reil, meinem Übernachtungsort am dritten Tag. Dorthin gelockt hat mich vor allem die Aussicht auf einen schönen Tagesausklang mit einem leckeren Abendessen und einem guten Wein auf der Terrasse des Gasthofs Zur Traube. Ich wurde nicht enttäuscht. Der Zander war großartig und die trockenen Weine (Riesling und Dornfelder) gehören zu meinen Lieblingen an der Mosel. Am Ende übernachtete ich sogar in diesem Gasthof, obwohl ich im benachbarten Reiler Hof nach einem Zimmer gefragt  hatte. Des Rätsels Lösung: Der Reiler Hof, dessen Zimmer und Küche in einer höheren Preisklasse angesiedelt sind, bewirtschaftet den Gasthof nebenan als Gästehaus. Für mein schlichtes Einzelzimmer in der Traube und ein üppiges Frühstück im Reiler Hof am nächsten Morgen zahlte ich 50 Euro.

Tag 4 – Von Reil nach Bullay

Nach drei sehr schönen, aber auch richtig heißen Tagen an der Mosel hatte ich mir für den vierten nur noch eine kurze Etappe vorgenommen. Am Vortag war ich gute 50 Kilometer geradelt. Von Reil bis Bullay, wo ich wieder in den Zug steigen wollte, sind es gerade mal 25 Kilometer. Kurz nach 9 Uhr verließ ich Reil auf dem linken Ufer und sah in der ersten Stunde nur sehr wenige Menschen. Links hatte ich bald den Viadukt der Kanonenbahn über mir, später die Marienburg. Die Fähren von Pünderich und Briedel am anderen Ufer waren schon in Betrieb, hatten aber jeweils nur einen Fahrgast. In Kaimt blieb ich auf der linken Flussseite und bereute diese Entscheidung schon bald. Am Ortsrand verließ der Radweg bald das Ufer, stieg allmählich an und wurde zum steinigen Feldweg. Auf einem  Mountainbike hätte mir das nichts ausgemacht, mein Brompton mit den kleinen Rädern ist für solche Wege aber nicht gemacht, auch wenn es sich mit seiner Federung  noch ganz gut geschlagen hat.

Blick auf Merl vom steinigen Feldweg © Michael Kneffel

Blick auf Merl vom steinigen Feldweg © Michael Kneffel

Der Feldweg mündete schließlich in die Bundesstraße 53, die ich auch nicht in die Liste meiner Lieblingsradwege aufnehmen werde, die mich aber schnell nach Bullay brachte. Ich wußte, dass die Züge in Richtung Koblenz jeweils zehn Minuten nach der vollen Stunde abfuhren. Als ich den Bahnhof ziemlich genau zehn Minuten nach 11 Uhr erreichte, hatte ich mich schon damit abgefunden, fast eine Stunde warten zu müssen. Von der Fahrkartenverkäuferin erfuhr ich dann aber, dass der Zug noch gar nicht eingefahren sei und ich ihn noch erwischen würde, wenn ich mich beeilte. Tatsächlich schob ich mein Rad genau in dem Moment in einen Waggon, als das Signal zur Abfahrt ertönte. Unter den interessierten Augen des Zugbegleiters verwandelte ich mein Bromton wieder in ein handliches Gepäckstück und suchte mir einen Sitzplatz. Trotz der Verspätung erreichte ich meinen Anschlusszug in Koblenz und war keine zwei Stunden später wieder zu Hause in Essen.

Tourentest bestanden

Von den beiden geschilderten technischen Problemen (Knacken und Luftverlust) abgesehen, die meine heimische Werkstatt in den folgenden Tagen schnell behob, hatte sich mein neues Brompton als Tourenrad voll und ganz bewährt. Schon bei meinem alten Brompton habe ich immer den erstaunlichen Fahrkomfort geschätzt, der sich aus dem langen Radstand, dem Gummipuffer zwischen Rahmen und Hinterbau sowie einem guten Brooks-Sattel ergibt. Beim neuen Rad kommt jetzt noch der höhere Lenker und die aufrechtere Sitzposition hinzu. Als völlig unproblematisch erwies sich auch der Gepäcktransport. In meinen Taschen war noch genug freier Platz für eine doppelt oder dreifach so lange Tour, auch wenn die in einer kühleren oder feuchteren Jahreszeit stattfinden sollte. Mit den Übersetzungen der Sechs-Gang-Schaltung würde ich nicht unbedingt eine Alpenüberquerung in Angriff nehmen, aber auch für hügeligere Strecken, als ich an der Mosel gefahren bin, wird sie mir ausreichen. Leichtester und schwerster Gang liegen in etwa so weit auseinander wie bei meinem Trekkingrad. Gewöhnungsbedürftigt finde ich die Art des Schaltens. Mit dem rechten Schalter werden die drei ziemlich weit auseinander liegenden Gänge der Nabenschaltung ausgewählt. Der linke Schalter, der zwei Ritzel vor der Drei-Gang-Nabe bedient, gibt die Möglichkeit, für jeden der drei Gänge eine leichtere und eine schwerere Variante zu wählen. Wer wie ich gerne mit feinen Abstufungen unterwegs ist, muss häufig beide Schalter bedienen und viel hin und her schalten.

Unterwegs hatte ich manchmal – vor allem wenn ich überholt wurde –  den Verdacht, dass ein Rad mit großen Rädern möglicherweise schneller fahren würde. Aber erstens geht es mir bei solchen Touren wie an der Mosel gar nicht um eine hohe Geschwindigkeit und das Zurücklegen sehr langer Strecken, und zweitens glaube ich, dass bei hochwertigen Rädern mit guten Komponenten, zu denen das Brompton gehört, letztendlich nur die Fitness und der Trainingszustand des Fahrers den Unterschied machen. Ich gebe zu, dass es bei mir in dieser Hinsicht noch Steigerungsmöglichkeiten gibt. Der größte Nachteil der kleinen Räder dürfte in einem höheren Verschleiß bestehen. Kleine Räder müssen sich nun mal öfter und schneller drehen als große. An dem Brompton, das ich seit zehn Jahren fahre, habe ich allerdings bisher noch kein einziges Teil erneuerrn müssen.

(Gelegentlich veröffentlicht WordPress unter meinen Beiträgen Werbung, meist ziemlich seltsame. Ich habe darauf keinen Einfluss.)

Biarritz – Liebe auf den zweiten Blick (Teil 1)

Auf unserer Fahrt nach Biarritz im äußersten Südwesten Frankreichs haben wir die Autobahn schon etwa fünfzig Kilometer vor unserem Zielort verlassen, um am Samstag vor Ostern nett zu Mittag zu essen und anschließend entspannt die Küstenstraße entlang zu bummeln. Nach dem Studium der Michelin-Karte haben wir uns für den kleinen Ort Léon entschieden, der durch einen Stern als sehenswert gekennzeichnet ist. Die Parkplätze des Ortes sind zu unserer Überraschung fast vollständig durch spanische PKW besetzt, und es dauert eine ganze Weile, bis wir eine Lücke finden und uns zu Fuß auf die Suche nach einem geeigneten Restaurant machen können. Irgendwo in Nordspanien muss ein Atomkraftwerk explodiert sein, und die gesamte Bevölkerung im Umkreis von 100 Kilometern ist über die Grenze nach Frankreich an die baskische Küste geflohen. Anders können wir uns kaum erklären, warum wir plötzlich von unzähligen spanischen Großfamilien umringt sind, deren Mitglieder aussehen, als hätten sie nur das mitnehmen können, was sie gerade auf der Haut trugen – vorzugsweise Trainingsanzüge und andere Kleidungstücke, in denen man es sich zu Hause gemütlich macht. In den Restaurants gibt es kaum noch freie Plätze, aber die Besitzer müssen mit dem spanischen Exodus gerechnet haben und sind voll auf Massenabfertigung eingestellt. Wir beschließen schnell, in einem anderen Ort unser Glück zu versuchen, und fahren irritiert weiter. Spanische Sätze rasseln und klingeln uns noch lange in den Ohren. Die Männer von jenseits der Grenze scheinen großen Wert darauf zu legen, im Umkreis von mindestens zwanzig Metern von jedem und jederzeit gut gehört werden zu können. Auf unserer Weiterfahrt machen wir noch eine weitere Entdeckung. In Nordspanien scheint eine besondere Form von Matriarchat im Straßenverkehr zu herrschen, wobei jeweils das älteste weibliche Mitglied der Großfamilie den Platz am Lenkrad für sich beanspruchen darf. In einer endlosen Karawane spanischer Autos zuckeln wir mit Tempo 30 von Küstenort zu Küstenort, machen uns schließlich über die letzten Reste unseres Reiseproviants her und hoffen nur noch, endlich Biarritz zu erreichen.

Die vermeintlich reizvolle Küstenstraße führt zuletzt durch ausgedehnte Industrie- und Gewerbegebiete von Bayonne und Anglet, und der Stadtrand von Biarritz ist nicht viel attraktiver als der von Bottrop oder Castrop-Rauxel. Als wir endlich vor unserer Unterkunft, dem Apartmenthaus Haguna von Pierre & Vacances in der Avenue de la Reine Victoria ankommen, wird uns schnell klar, dass an einem teuren Einstellplatz in der Tiefgarage unseres Hauses kein Weg vorbei führen wird. Biarritz scheint an diesem Osterwochenende vor Verkehr aus allen Nähten zu platzen, und freie Parkplätze sind im Stadtgebiet absolute Mangelware.

Unser Haus und unser Apartment überraschen uns positiv. Nur als wir ein Fenster zur Straße öffnen, beschleicht uns der Gedanke, dass es vielleicht doch keine gute Idee war, Ruhe und Entspannung in den Osterferien ausgerechnet in Biarritz suchen zu wollen. Die Stadt brummt, nein, sie röhrt. Der Verkehrslärm ist enorm. Und auch hier scheint ein Wettbewerb ausgetragen zu werden, den wir bereits aus unserem Heimatort kennen. Nur noch nicht so heftig. Während früher die brennendsten Fragen (dauer)pubertierender Führerscheininhaber lauteten: „Wer hat den Schnellsten? Wer hat den Stärksten?“, scheinen dieselben Menschen heute auf den Straßen vor allem eines demonstrieren zu wollen: „Ich habe den Lautesten!“ Alle Pariser Besitzer von Ferraris, Maseratis und ähnlichen Fahrzeugen scheinen sich dazu über Ostern in Biarritz versammelt zu haben. Den Vogel hat dann aber ein Motorradfahrer abgeschossen, der um zwei Uhr nachts mit geschätzten 120 Sachen an unserer Unterkunft vorbeigeschossen ist und dabei so einen Lärm entwickelt hat, dass uns die Vibration der Ohrenstopfen in unseren Gehörgängen geweckt hat. Bei geschlossenem Fenster! Das muss man erst mal schaffen.

Phantombild des nächtlichen Rasers © Michael Kneffel

Phantombild des nächtlichen Rasers © Michael Kneffel

Die Zweifel an der richtigen Wahl unseres Urlaubsortes verdichten sich fast zur Gewissheit, als wir am Ostersonntag bei der ersten Ortsbegehung in einem dichten Pulk von Spaniern und im Tempo einer Fronleichnamsprozession über die berühmte Strandpromenade des Ortes geschoben werden. Die spanischen Männer tragen immer noch Trainingsanzüge, einige ihrer Frauen aber haben die Frottee-Hausanzüge gegen kurze, dünne, vorzugsweise rote Kleidchen und Pumps mit mindestens 10 Zentimeter hohen Absätzen getauscht.  Am Ostersonntagmorgen. Bei eisigem Wind. Dazu haben manche von ihnen Makeup aufgetragen, als wollten sie an einem Dragqueen-Wettbewerb teilnehmen. Beschallt werden wir von einer riesigen Lautsprecheranlage neben dem Casino, die mühelos selbst die Iberer und die neben der Promenade dicht an dicht entlangröhrenden Autos und Motorräder übertönt. Über Ostern werden vor der Promenade die französischen Surfmeisterschaften ausgetragen, und fachkundige Kommentatoren preisen zwischen wummernden Disco-Bässen die sportlichen Leistungen auf den Wellen.

Ostertrubel am Strand von Biarritz © Michael Kneffel

Ostertrubel am Strand von Biarritz © Michael Kneffel

Wir fliehen Richtung Ortskern und landen schließlich an der Markthalle oben in der Stadt, wo sich eine ganz andere Szene versammelt hat. Frauen jenseits der 50, mindestens einmal zuviel geliftet und im Look ihrer Töchter, und ihre gleichaltrigen männlichen Begleiter in zu engen Lederjäckchen drängen sich zwischen der Halle und den Bars und Restaurants auf der anderen Straßenseite. Mit Weißwein- und Champagnergläsern in der Hand werden hier gute Laune und Reichtum demonstriert. Wir haben die Insassen der  Pariser Luxuskarrossen mit den lärmenden Auspuffanlagen gefunden, hätten darauf aber auch gut verzichten können und schwören uns innerlich, in diese Gegend der Stadt nie wieder einen Fuß zu setzen. Wo sind wir hier bloß hingeraten? Erste Gedanken an sofortige Abreise keimen in uns auf.

Gedämpft wird dieser Impuls allerdings von der Schönheit unzähliger Gebäude in dieser Stadt. Wir wissen oft gar nicht, wo wir zuerst hinsehen sollen. Prächtige Stadtvillen überall. Der Hochadel Europas hat sich in Biarritz ab der Mitte des 19. Jahrhunderts architektonisch verewigt, nachdem Napoléon III. seiner Gemahlin Eugénie eine imposante Residenz in dem vorher unbedeutenden Fischerort errichten ließ. Das Gebäude thront über dem Strand am nördlichen Ende der Promenade und dient heute als Luxushotel. Mit dem Adel kam der internationale Jetset und festigte ein Jahrhundert lang das Image eines  mondänen Badeortes. Rund um die kaiserliche Residenz entstanden Sommerwohnsitze, erst noch im imperialen Stil, dann im verspielten Jugendstil und schließlich im klareren art déco. Biarritz ist ohne Zweifel eine schöne Stadt. Wenn nur nicht dieser Rummel und Lärm wären.

Strandvilla in Biarritz © Michael Kneffel

Strandvilla in Biarritz © Michael Kneffel

Auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen landen wir schließlich im Zentrum der Stadt im proppevollen Café La Coupole, einer traditionellen Brasserie an der Place Georges Clemenceau, wo gerade ein Kellner einen weiblichen Gast abkanzelt. Die junge Frau hatte sich in einem Gemisch aus Spanisch und Englisch darüber beschwert, dass sie nach ihrer Meinung zu lange auf ihr Getränk hatte warten müssen. Offensichtlich sind wir nicht die Einzigen, denen die spanische Oster-Invasion auf die Nerven geht. Als der Kellner grimmig auf uns zusteuert, rechnen wir mit dem Schlimmsten, werden aber angenehm überrascht. Nachdem wir unsere Bestellung in enem einigermaßen flüssigen Französisch aufgegeben haben, wandelt sich seine Miene, und wir werden sehr freundlich bedient. In den folgenden Tagen wird das La Coupole zu einer festen Anlaufstelle für uns, vor allem zur Frühstückszeit, aber auch zu anderen Tageszeiten immer wieder gerne.

Vielleicht wäre es aber gar nicht mehr dazu gekommen, hätten nicht die Massen von spanischen und Pariser Ostertouristen nahezu schlagartig die Stadt am Ostermontag verlassen. Plötzlich war alles anders, und für uns begann eine schöne Zeit in einer überaus angenehmen Stadt, in der es sehr entspannt zugeht. (Fortsetzung folgt.)

(Gelegentlich veröffentlicht WordPress unter meinen Artikeln Werbung, mitunter ziemlich seltsame. Ich habe darauf keinen Einfluss.)

 

 

 

Klasse Rezepte auf Deutsch für die französische Küche von Aurélie Bastian

Nach einer mittleren Back- und Kuchenorgie – es gab eine Pfirsich-Tarte, den ersten Pflaumenkuchen der Saison und zum Sattwerden (schließlich waren wir zu viert!) einen Käsekuchen – bekamen wir gestern den Hinweis auf ein deutsches Blog mit französischen Rezepten unter dem Titel www.franzoesischkochen.de von Aurélie Bastian. Unsere beiden Kuchenmitesser schwärmten in den höchsten Tönen von Aurélies Tarte au citron und ihren Brioches. Zum Nachkochen / -backen der Rezepte war noch keine Zeit, aber schon das Ansehen des Blogs macht richtig Spaß und Appetit. Tolle Fotos!

unsere Pfirsich-Tarte, frisch aus dem Ofen © Michael Kneffel

unsere Pfirsich-Tarte, frisch aus dem Ofen © Michael Kneffel

Menüempfehlungen für den August

Mit einer urlaubsbedingten Verzögerung reiche ich die Menüempfehlungen für den Monat August von Monsieur Phileas Gilbert aus dem Jahr 1884 nach. Damals nahm die Begeisterung für das Meer bei den Franzosen aller Schichten gerade erst ihren Anfang. Viele Seebäder und die Eisenbahnlinien dorthin waren noch in Planung oder Aufbau. Spätere Menüempfehlungen für diesen Monat wären kaum ohne Meeresfrüchte ausgekommen. Aber auch so läuft mir das Wasser im Munde zusammen.

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Menu de Déjeuner (Mittagsmenü)

Beurre – Melon – Saucisson d´Arles

Oeufs froids Marinette

Filets de rougets à la Villeroy

Entrcote Robinson

Terrine de Caneton au sang

Grenade aux cerises

Menu de Diner (Abendmenü)

Potage crème Maria

Turbotin à la Dugléré

Poularde poelée financière

Contrefilet roti

Fonds d´artichauts Montrouge

Melon aux fraises

Menüempfehlungen für den Juli

Im Jahr 2010 hat die UNESCO die französische Küche zum schützenswerten immateriellen Weltkulturerbe ernannt. Diese Anerkennung von höchster Stelle galt weniger den Spitzenleistungen von Köchen wie Paul Bocuse oder Alain Ducasse als vielmehr der ganz speziellen Kultur des Essens in Frankreich. Die UNESCO ehrte ausdrücklich das französische Menü mit seinen mindestens vier Gängen. Laut UNESCO fördere das traditionelle französische Essen das gesellige Beisammensein, die Freude an Aromen und die Balance zwischen Mensch und natürlichen Produkten. Der klassische Ablauf mit Apéritif, Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch, Käse und Kaffee finde nur noch selten statt und müsse deshalb als Kulturerbe besonders geschützt werden.

Dieser Auffassung möchte ich mich nicht nur ausdrücklich anschließen. In meinem neuen Blog werde ich vielmehr regelmäßig Menüvorschläge vorstellen, die erstmalig 1884 in einem Kochbuch mit dem Titel „LA CUISINE DE TOUS LE MOIS“  (Die Küche für alle Monate) veröffentlicht wurden. Wann und wie dieses alte Schätzchen in unseren Bücherschrank gelangt ist, lässt sich beim besten Willen nicht mehr feststellen. Es steht in einer Reihe mit alten Reiseführern und Wörterbüchern, die uns immer wieder gute Dienste leisten.  Im besagten Kochbuch stellte der Autor Philéas Gilbert mindestens sechs Menüs für jeden Monat des Jahres zusammen, jeweils drei für das Mittag- und für das Abendessen. Dazu  lieferte er selbstverständlich auch die genauen Rezepte der einzelnen Gänge und ergänzte seine Monatsempfehlungen durch Vorschläge, wie die Gemüse und Früchte der Saison haltbar gemacht werden konnten.

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Mir kommen seine Menüvorschläge wie kleine Gedichte vor, welche die Phantasie anregen, Erinnerungen an gesellige Stunden in Frankreich lebendig werden lassen und Bilder von schönen Orten herauf beschwören.

Die ersten Menüvorschläge  für den Juli lauten:

Menu de Déjeuner (Mittagsmenü)

Beurre – Macédoine – Sprotts à l`huile

Oeufs froids Germaine

Poitrine de veau farcie purée de pois verts

Poulet grillé à la Diable

Tomates frites

Flan de cerises meringue

Menu de Diner (Abendmenü)

Potage crème de Laitues

Carpe à la Juive (ou à l´Orientale)

Foie de Veau étuvé à la Briarde

Petite Dinde à la broche

Aubergines au gratin

Pudding de riz à la groseille

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