Mit dem Brompton an der Mosel – ein Fahrradtest und Reisebericht

auf der Moselbrücke in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel
auf der Moselbrücke in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel

Mein erstes Brompton-Faltrad habe ich vor 10 Jahren gekauft, ein rotes, ohne Licht, ohne Schutzbleche und ohne Gepäckträger, nur mit einer 3-Gang-Schaltung.  Gesucht hatte ich eine Möglichkeit, bei Fotoprojekten auf weiten Arealen auch mit einer großen Fotoausrüstung schnell und komfortabel von A nach B, C, und E zu kommen, und bei Bedarf, z.B. wenn das Licht gewechselt hat, auch schnell wieder zurück. Das Bromton schien mir dafür das ideale Fortbewegungs- und Transportmittel zu sein. Leicht und sehr klein zusammenfaltbar konnte ich es problemlos im Autokofferaum oder im Zug mitnehmen. Vor Ort war es in Sekundenschnelle fahrbereit und ein echter Packesel für meine Ausrüstung. Profitiert habe ich dabei von einem ausgefeilten Gepäcksystem bestehend aus einem Trägerblock, der dauerhaft vorne am Rahmen befestigt wird, und einem enormen Angebot an Taschen aller Art. Am liebsten war mir die sogenannte Einkaufstasche, oben offen und mit über 20 Litern Volumen sehr geräumig. Selbst meine großen Crumpler-Fototaschen fanden darin Platz, und bei Bedarf konnte ich oben drauf auch noch ein Stativ quer legen und mit zwei Klettbändern befestigen. 10 Kilo Gepäck sind auf diese Weise vorne möglich und beeinträchtigen das Manövrieren nicht im geringsten, weil das Gewicht ja nicht am Lenker hängt. Auf diese Weise habe ich mir bei vielen Einsätzen platte Füße und schmerzende Schultern erspart.

mein Brompton von 2006, noch ohne Brooks-Sattel, aber schon mit Trägerblock vorn am Rahmen © Michael Kneffel

mein Brompton von 2006, noch ohne Brooks-Sattel, aber schon mit Trägerblock vorn am Rahmen © Michael Kneffel

... und hier zusammengefaltet © Michael Kneffel

… und hier zusammengefaltet © Michael Kneffel

Immer öfter hat mich das Brompton dann auch auf Reisen begleitet, wenn ich keine Lust hatte, den Dachgepäckträger auf dem Auto zu montieren und eines meiner großen und z. T. nicht gerade leichten Räder hochzuwuchten. Mein Hollandrad wiegt weit über 20 Kilo und selbst mein Treckingrad kommt noch auf über 15. Anfangs habe ich das Brompton noch unterschätzt, aber mir wurde nach und nach klar, dass es mit seiner 3-Gang-Schaltung locker mit meinem Hollandrad mithalten konnte. Ein nachgekaufter Brooks-Sattel brachte den nötigen Sitzkomfort. Und gut gefedert ist das kleine Rad durch einen Gummipuffer in der Rahmenkonstruktion allemal. Tagestouren von bis zu 40 Kilometern waren überhaupt kein Problem. Für lange Radtouren, auf denen ich Zelt, Schlafsack, Isomatte usw. mitnehmen wollte, habe ich dann aber doch lieber mein Trekkingrad benutzt. Bei meiner letzten großen Tour von Essen an die französische Atlantikküste habe ich allerdings auch gemerkt, dass das Leben in einem kleinen Zelt und auf allen Vieren nicht mehr mein Ding ist. Und auch das lange Warten morgens, bis das Zelt trocken ist, hat mich dazu gebracht, in Zukunft lieber nach netten Zimmern Ausschau zu halten.

Taugt das Brompton auch als Tourenrad?

Nach der inneren Verabschiedung von der schweren und voluminösen Campingausrüstung konnte ich mir schon bald vorstellen, eine mehrtägige Tour auch mit dem Brompton zu unternehmen, und vor einigen Wochen nahm die Idee Gestalt an, vier Tage lang die Mosel entlang zu fahren. Dafür fehlte mir an meinem Rad allerdings so einiges: eine Schaltung mit einer größeren Auswahl an Übersetzungen, Schutzbleche gegen Nässe auf der Straße, gutes Licht und nicht zuletzt ein Gepäckträger. Eine Probefahrt bei meinem Essener Händler mit einem neuen Brompton überzeugte mich schon nach wenigen Metern von der 6-Gang-Schaltung und außerdem von der höheren Lenkerposition des H-Modells, die ein aufrechteres Fahren und damit eine bessere Wahrnehmung der Umgebung erlaubt. Mit ein wenig Wehmut beschloss ich, meinem geliebten Brompton untreu zu werden und ein neues Rad zu bestellen, diesmal ein schwarzes. Mitgeordert habe ich gleich das sogenannte Rack Pack, die einzige Brompton-Tasche für den Gepäckträger. Deutlich länger habe ich darüber nachgedacht, welche Tasche ich vorne nutzen sollte. Brompton-Tourenfahrer legen sich dafür nach den einschlägigen Berichten im Internet ganz überwiegend die sogenannte T Bag  zu, das größte Modell im Angebot mit 28 Litern Fassungsvermögen und diversen Außentaschen und -netzen. Ich habe mich dann aber dazu entschlossen, die alte Einkaufstasche zu behalten. In ihr brachte ich schließlich einen Tagesrucksack unter, der meine Bekleidung für vier Tage enthielt sowie meine Wertsachen und diversen Kleinkram. Daneben war in der Einkaufstasche noch Platz für Werkzeug, ein Erste-Hilfe-Set, Sonnencreme, Sonnenbrille, etwas Proviant, zwei Halbliter-Wasserflaschen, die Fahrradhülle für den Transport des zusammengelegten Rades im Zug und natürlich die Karte von der Mosel-Region, die immer schnell greifbar sein sollte. Dazu kam ein Regenüberzug für die gepackte Tasche. Alles zusammen wog etwa 8 Kilo. In die hintere Tasche packte ich mein Waschzeug, ein Paar Sandalen, einen Reiseführer und meinen Helm während des Zugtransports. In die Satteltasche kamen zwei weitere Halbliter-Wasserflaschen – für die Tourentage waren hochsommerliche Temperaturen vorhergesagt –  und die Luftpumpe. Serienmäßig ist die Pumpe an einer Hinterradstrebe befestigt, aber dort hatte ich einen Ständer angebracht, der sich während der Tour als  äußerst praktisch erweisen sollte. Mit einer Tasche auf dem Gepäckträger lässt sich das Hinterrad nämlich nicht mehr zum Parken unter den Rahmen klappen, und auf offener Strecke findet sich nicht überall eine Mauer oder ein Baum zum Anlehnen des Rades.

mein komplett bekacktes Rad mit Ständer und Faltschloss auf dem Rahmen auf dem Bahnsteig in Bullay © Michael Kneffel

das komplett bepackte neue Rad mit Ständer und Faltschloss auf dem Rahmen © Michael Kneffel

Am letzten Dienstag war es dann so weit. Mit dem neuen Rad, dem Rucksack noch auf  dem Rücken und dem Rack Pack an seiner Stelle in der Einkaufstasche vorn fuhr ich gegen 8:30 Uhr zum Essener Hauptbahnhof, faltete das Rad auf dem Bahnsteig zusammen und machte es mit der Transporthülle zum kostenfreien Gepäckstück. Im vollen ICE nach Koblenz konnte ich das Rad mühelos zwischen zwei Sitzreihen schieben, die mit den Rückenlehnen zusammen stießen. Auch der Umstieg in Koblenz und die Weiterfahrt im Regionalexpress verliefen problemlos, obwohl sehr viele andere Radler mit ihren großen Rädern einstiegen. Ich konnte das Brompton aber auch hier zwischen zwei Sitzreihen verstauen und musste nicht um einen freien Transportplatz im Radabteil kämpfen. Allerdings spürte ich schnell, dass das neue Rad mit Schutzblechen, Lichtanlage, Gepäckträger, Ständer, einem soliden Faltschloss (Abus Bordo) auf dem Rahmen und einem kleinen Werkzeugsatz im Rahmen, dem sogenannten Tool Kit, spürbar schwerer ist als mein altes rotes Rad. Ca. 3,5 Kilo mehr, ungefähr 14 Kilo insgesamt, wollten nun bewegt werden. Dazu kamen etwa 10 Kilogramm Gepäck.

Tag 1 – Von Bullay bis Rißbach

Für den Beginn meiner Moseltour hatte ich mir Bullay in der Nähe von Zell an der Mittelmosel ausgesucht. Von früheren Wandertouren kenne ich den Abschnitt moselabwärts zwischen Zell und Cochem schon ganz gut und wollte mir diesmal den Flussabschnitt moselaufwärts in Richtung Trier etwas näher ansehen. Es ging mir nicht darum, möglichst weit in möglichst kurzer Zeit zu fahren, sondern die Landschaft zu genießen und mir die kleinen Weinbauorte entlang des Flusses anzusehen. Auf der rechten Moselseite fuhr ich gegen 12 Uhr los Richtung Zell. An etlichen Stellen des Radweges hatten Baumwurzeln das Pflaster hochgedrückt, was für eine etwas unruhige Fahrt sorgte. An meinem brandneuen und überall noch reichlich gefetteten Rad rutschte die Sattelstütze auf dieser Hoppelpiste mehrmals nach unten und ich mußte mein Brompton-Werkzeug aus dem vorderen Rahmenrohr holen, was bei einem vollbepackten Bromton eine etwas umständliche Übung ist. So clever ich die Unterbringung des Tool Kits im Rahmenrohr finde, in Erwartung weiterer Einstellarbeiten am neuen Rad packte ich das Werkzeug lieber griffbereit in die vordere Einkaufstasche. In Zell überquerte ich den Fluss auf der Fußgängerbrücke im Zentrum hinüber zum Ortsteil Kaimt.

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Blick auf Zell von der Fußgängerbrücke © Michael Kneffel

Lange habe ich mich diesmal nicht in Zell und Kaimt aufgehalten, weil ich schon in einigen Wochen zum Wandern wieder dorthin zurückkehren werde. Aber auch diesmal habe ich einige Minuten vor dem prächtigen Weingut Treis in Kaim angehalten, um dieses wunderschöne Fachwerkhaus zu bewundern.

Fassade des Haupthauses des Weinguts Treis in Zell-Kaimt © Michael Kneffel

Fassade des Haupthauses des Weinguts Treis in Zell-Kaimt © Michael Kneffel

Auf der linken Moselseite ging es nach einem kurzen aber knackigen Anstieg etwas oberhalb des Flusses durch die Weinberge weiter in Richtung Briedel. Auf meiner Tour sollte ich sehr viele Fahrer von E-Bikes sehen, von denen mich viele zügig überholten. So einen Anstieg wie den erwähnten nehmen selbst alte und offensichtlich wenig trainierte Fahrer der Elektromotorrädern völlig mühelos, aber auch ich kam im leichtesten Gang meiner Sechs-Gang-Schaltung gut hinauf. Mit meiner alten Drei-Gang-Schaltung hätte ich hier mit Sicherheit schon absteigen und schieben müssen. Auf der Höhe von Briedel nahm ich die Fähre, um zum Ort hinüberzusetzen – mit 1,50 Euro ein preiswertes Vergnügen.

auf der Fähre nach Briedel © Michael Kneffel

auf der Fähre nach Briedel © Michael Kneffel

Beim örtlichen Bäcker kaufte ich mir zwei Teilchen für eine kurze Rast und stieß in dem ruhigen Örtchen auf weitere herrliche Fachwerkbauten, die, wie die Hochwassermarken an den Wänden zeigen, schon mehr als einmal mit der Mosel Bekanntschaft gemacht haben.

prächtige Fachwerkhäuser in Briedel © Michael Kneffel

prächtige Fachwerkhäuser in Briedel © Michael Kneffel

Am netten Pünderich vorbei fuhr ich wieder auf der rechten Moselseite zusammen mit vielen anderen Radlern bis auf die Höhe von Reil und überquerte den Fluss auf der Straßenbrücke. Vor zwei Jahren war ich hier schon einmal mit dem Auto vorbei gekommen und erinnerte mich noch gut an ein sehr leckeres Essen und einen großartigen trockenen Riesling auf einer schön gelegenen Terrasse vor dem Gasthof Traube. Für ein Essen war es aber noch zu früh, und ich fuhr auf der linken Moselseite weiter in Richtung Traben-Trabach. Der Radweg verläuft neben der Bahnstrecke auf der Straße, was mein Vorwärtskommen beschleunigte, mir aber auch einigen Verkehrslärm eintrug, zum ersten Mal seit dem Start der Tour. Irgendwo vor Traben-Trarbach muss ich eine Abbiegung des Radweges verpasst haben und stieg mit der Landstraße auf eine beachtliche Höhe über der Mosel. Bei einer Temperatur von gut über dreißig Grad hätte ich mir diesen Anstieg gern erspart, zumal die letzten Meter durch Neubaugebiete nicht besonders reizvoll waren. Wie hoch ich geklettert war, merkte ich erst, als ich mich, schon weit im Ort, entschied, wieder an das Moselufer hinabzuschießen. Traben-Trarbach, das ich auf einer früheren Reise mit dem Auto schon einmal kennengelernt habe, zählt trotz des berühmten Jugendstilhotels Bellevue nicht zu meinen Lieblingsorten an der Mosel. Mein Ziel war der Campingplatz etwas jenseits des Ortskerns im Stadtteil Rißbach. Bei meiner Tourvorbereitung hatte ich gesehen, dass es dort die Möglichkeit gibt, in einem sogenannten Weinfass zu übernachten. Auf dem Campingplatz angekommen, fühlte ich mich wie in den Niederlanden. 80 Prozent der Camper dürften von dort stammen, und an der Rezeption wurde fließend Nederlands gesprochen. Zu meinem Glück war ein Fass in der ersten Reihe am Ufer frei, so dass ich von dort nicht nur auf Wohnmobile und Autos gucken mußte, sondern einen schönen Blick auf den Fluss hatte. Mit 49 Euro pro Nacht für eine Person fand ich die Übernachtung im Fass nicht gerade billig, zumal ich Matratze und Bettzeug selbst beziehen musste und auch kein Frühstück im Preis enthalten war, aber kurz vor 17 Uhr freute ich mich nach einer sehr heißen Etappe auf eine Dusche und die Möglichkeit, die Beine hochzulegen.

Brompton vor

Brompton vor „Weinfass“ auf dem Campingplatz in Rißbach © Michael Kneffel

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im „Weinfass“ auf dem Campingplatz in Rißbach © Michael Kneffel

Das sogenannte Weinfass, das natürlich nie zur Lagerung von Wein gedient hat, besteht im wesentlichen aus einem Vorraum mit zwei Bänken, einem ausziehbaren Tisch, viel Stauraum und einem höher gelegenen Schlafabteil mit Fenster. Im Stauraum unter der Schlafebene scheint noch ein Kühlschrank zu stehen, und unter der Decke im Vorraum ist eine Heizung angebracht, die ich abends auch tatsächlich eingeschaltet habe. Nachts wurde es am Wasser nämlich erstaunlich kühl. Nach einer herrlichen Dusche im gepflegten Waschhaus des Platzes habe ich noch eine Stunde an dem großen Holztisch vor dem Fass gesessen, bevor ich mich auf Nahrungssuche im Ortsteil Trarbach auf der anderen Moselseite begab. Fündig wurde ich schließlich auf der Terrasse vor dem Restaurant Storcke-Stütz, wo ich sehr lecker gegessen und und zwei schöne trockene Rieslinge probiert habe. Auf der Rückfahrt zu meinem Fass freute ich mich über die gute Lichtanlage an meinem Rad. In der Nacht ist es an der Mosel nämlich stockdunkel, ganz anders als zu Hause in der Großstadt.

Am ersten Tag meiner Tour war ich mit allen Ortsbesichtigungen ca. 30 Kilometer gefahren. Das neue Brompton war gut gelaufen und hat mir auf dieser Etappe viel Freude bereitet.

Tag 2 – Von Rißbach nach Piesport

Nach einem guten Frühstück im Restaurant meines niederländischen Campingplatzes machte ich mich kurz nach 9 Uhr wieder auf den Weg und wechselte sofort auf der neuen Brücke hinter dem Campingplatz, die mir nachts mitunter das Gefühl verschafft hatte, dass Autos und Motorräder direkt durch mein Fass fahren, auf das andere Moselufer, wo es sofort sehr beschaulich und deutlich ruhiger wurde. Am schönen Ort Wolf vorbei ging die Fahrt mit Blick auf Kröv und seine Weinberge am anderen Ufer. Eine Flussbiegung später passierte ich die kleinen und sehr nett wirkenden Örtchen Kindel, Lösnich und Erden. Hinter Erden kamen schließlich die Brückenpfeiler der neuen Hochmoselbrücke vor Rachtig in Sicht. Die Mehrzahl der z. T. gigantischen Pfeiler ist bereits fertig gestellt, und auch ein Teil der Fahrbahn ragt bereits in das Moseltal hinein. Noch kann man nur ahnen, wie sehr dieses Bauwerk die Landschaft im Moseltal dominieren wird.

Bau der neuen Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachting © Michael Kneffel

Bau der neuen Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachtig © Michael Kneffel

Die unmittelbare Umgebung der Baustelle gehörte nicht zu den schönsten Abschnitten meiner Tour, war aber schnell passiert, und in Zeltingen-Rachtig wechselte ich wieder auf das linke Moselufer und steuerte nach einer kurzen Pause an der großen Schleusenanlage Bernkastel-Kues an, wahrscheinlich der touristische Hotspot der Mittelmosel. Gegen Mittag erreichte ich die hübsche Stadt, überquerte die Brücke und schob mein Rad durch die belebten Altstadtgassen. Vor den Cafés und Restaurants war jeder Stuhl besetzt, und schon bald machte ich mich wieder auf den Weg, in der Vorfreude auf etwas ruhigere und kleinere Orte.

Fachwerkhäuser am Marktplatz in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel

Fachwerkhäuser am Marktplatz in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel

am Marktplatz in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel

am Marktplatz in Bernkastel-Kues © Michael Kneffel

Auf der rechten Moselseite bleibend radelte ich den Nachmittag über gemächlich flußaufwärts, wobei mir besonders Brauneberg und die Anblicke der Orte Kesten und Minheim auf dem anderen Ufer gefielen. Nach 16 Uhr erreichte ich schließlich Piesport. Hier sah ich mich nach einem erneut sehr heißen Tag nach einer Unterkunft um. An diesem Tag war ich ca. 45 Kilometer geradelt, und mein Brompton hatte seine Sache wieder gut gemacht. Die Sitzposition mit dem etwas höheren Lenker war ideal für diese Art der Radwanderung, bei der es mir darum ging, viel von meiner Umgebung zu sehen. Irritiert hat mich allerdings ein leichtes, helles Knacken an der linken Seite des Tretlagers, das sich bei jeder Pedalumdrehung wiederholte. Ich vermutete, dass irgendwo im Bereich des Tretlagers oder des Pedals etwas Fett fehlte. Meine Versuche, das Geräusch durch Schmierstoff aus einer kleinen Spraydose, die ich im Gepäck hatte, zu beseitigen, blieben erfolglos. Nach längeren Pausen war das Knacken zunächst verschwunden, aber nach jeweils etwa einer Stunde Fahrt trat es verlässlich wieder auf.

Übernachtet habe ich schließlich im Weinhaus St. Joseph, einem schönen, alten Moselschieferhaus der Familie Spang, die eine der vielen Bett-and-Bike-Stationen an der Mosel betreibt. Nach einer sehr wohltuenden Dusche und einer Erholungspause im kühlen Haus musste ich am Abend nur wenige Meter laufen, um in der edlen Straußwirtschaft und Vinothek des Weingut Franzen ein ausgezeichnetes Abendessen zu bekommen. Dabei saß ich zusammen mit vielen anderen Gästen in einem zur Mosel abfallenden Garten und blickte auf die Weinberge im Abendlicht.

Weinhaus St. Joseph, Bett and Bike in Piesport © Michael Kneffel

Weinhaus St. Joseph, „Bett and Bike“ in Piesport © Michael Kneffel

Tag 3 – Von Piesport nach Reil

Eigentlich hatte ich vor, an den folgenden beiden Tagen weiter bis nach Trier zu fahren, nicht zuletzt deshalb, weil es dort die erste Möglichkeit nach Traben-Trarbach gab, wieder in einen Zug Richtung Heimat zu steigen. Nach dem Studium der Karte beschlich mich aber das Gefühl, dass die Umgebung von Trier nicht mehr so reizvoll sein würde, wie der Moselabschnitt, den ich gerade kennen gelernt hatte. Ich beschloss deshalb, wieder zurück in Richtung Bullay oder sogar weiter bis Cochem zu radeln und dabei jeweils die Moselseite zu erkunden, die ich noch nicht kannte. Nach einem guten und reichlichen Frühstück, das ich zusammen mit zwei anderen Radlern genoss, von denen der eine weiter an die französische Atlantikküste wollte und die andere flussabwärts nach Koblenz, und nachdem ich 40 Euro für die Übernachtung mit Frühstück bezahlt hatte, brachte ich mein Gepäck in den Fahrradraum und stellte überrascht fest, dass meine beiden Reifen sich sehr weich anfühlten. Vor der Tour hatte ich sie auf 6 Bar aufgepumpt. Maximal 6,8 Bar oder 100 PSI wären möglich gewesen. Schon wenige Kilometer hinter Bullay hatte ich am ersten Tag aber wieder etwas Luft abgelassen, weil ich zu hart durchgerüttelt wurde. Am Morgen in Piesport war aber eindeutig zu wenig Luft in den Reifen. Ich pumpte mit der Handpumpe ordentlich Luft nach, ohne allerdings zu wissen, wie hoch der Druck nun tatsächlich war. Bei den brandneuen Schläuchen hätte ich mit einem so schnellen und starken Druckabfall nicht gerechnet. Kurz nach 9 Uhr saß ich dann wieder auf dem Rad und war fasziniert von einer wunderbar ruhigen, spiegelglatten Mosel. Die ersten Stunden am Morgen sind für mich auf Radtouren immer die schönsten.

die Mosel bei Piesport am Morgen © Michael Kneffel

die Mosel bei Piesport am Morgen © Michael Kneffel

Kurz vor Minheim wechselte ich auf die linke Flussseite und genoss von der Brücke die Aussicht auf die Moselschleife im leichten Morgendunst.

Blick auf die Moselschleife bei Minheim © Michael Kneffel

Blick auf die Moselschleife bei Minheim © Michael Kneffel

Noch waren kaum andere Radfahrer unterwegs. So leicht wie an diesem Morgen war mir das Fahren am Vortag nicht gefallen. Der höhere Reifendruck machte sich positiv bemerkbar, aber auch das leichte Gefälle des Moseltales. Schließlich ging es nun immer bergab. Vorbei an Kesten, wo andere Radfahrer noch im Garten des eindrucksvollen Gasthauses Himmerroder Hof beim Frühstück saßen, erreichte ich die Nachbildung einer alten römischen Kelteranlage kurz vor Lieser. Hier wurde schon im dritten Jahrhundert n. Chr. Wein produziert. Lieser mit seinem eindrucksvollen Schloss bereitete sich noch auf ein Wein- und Straßenfest vor, das am Mittag beginnen sollte. Einige Straßen waren gesperrt und überall wurden Stände, Tische und Bänke aufgebaut.

Schloss Lieser © Michael Kneffel

Schloss Lieser © Michael Kneffel

Kurz vor 12 Uhr erreichte ich zum zweiten Mal auf meiner Tour Bernkastel-Kues. Diesmal nahm ich mir mehr Zeit für den Ort und gönnte mir zunächst ein großes Stück Pflaumenkuchen mit Sahne und einen Milchkaffee vor dem alten Café Hansen am Markt, neben mir muntere Rentner aus Skandinavien, die wie Stammgäste behandelt wurden. Nachdem ich mir das Treiben auf dem Platz angesehen hatte, schob ich mein Rad noch eine Weile durch die malerischen Gassen. Von den größeren Orten an der Mosel ist Bernkastel-Kues eindeutig mein Favorit.

Graach mit dem Mattheiser Hof © Michael Kneffel

Graach mit dem Mattheiser Hof (rechts) © Michael Kneffel

Vorbei am schönen Graach mit seinem Mattheiser Hof fuhr ich auf dem rechten Moselufer weiter bis Zeltingen-Rachtig. Hier überquerte ich den Fluss, um mir das Kloster Machern mit seiner Brauerei und verschiedenen anderen Einkehrmöglichkeiten anzusehen. Danach blieb ich auf der linken Moselseite und passierte zügig Ürzig, Kinheim und Kröv. Von der anderen Flussseite aus haben mir diese Orte besser gefallen als aus der Nähe, und auch das Fahren auf oder direkt neben der Straße fand ich nicht besonders angenehm. In Traben-Trarbach wechselte ich wieder die Seite und fuhr durch bis Reil, meinem Übernachtungsort am dritten Tag. Dorthin gelockt hat mich vor allem die Aussicht auf einen schönen Tagesausklang mit einem leckeren Abendessen und einem guten Wein auf der Terrasse des Gasthofs Zur Traube. Ich wurde nicht enttäuscht. Der Zander war großartig und die trockenen Weine (Riesling und Dornfelder) gehören zu meinen Lieblingen an der Mosel. Am Ende übernachtete ich sogar in diesem Gasthof, obwohl ich im benachbarten Reiler Hof nach einem Zimmer gefragt  hatte. Des Rätsels Lösung: Der Reiler Hof, dessen Zimmer und Küche in einer höheren Preisklasse angesiedelt sind, bewirtschaftet den Gasthof nebenan als Gästehaus. Für mein schlichtes Einzelzimmer in der Traube und ein üppiges Frühstück im Reiler Hof am nächsten Morgen zahlte ich 50 Euro.

Tag 4 – Von Reil nach Bullay

Nach drei sehr schönen, aber auch richtig heißen Tagen an der Mosel hatte ich mir für den vierten nur noch eine kurze Etappe vorgenommen. Am Vortag war ich gute 50 Kilometer geradelt. Von Reil bis Bullay, wo ich wieder in den Zug steigen wollte, sind es gerade mal 25 Kilometer. Kurz nach 9 Uhr verließ ich Reil auf dem linken Ufer und sah in der ersten Stunde nur sehr wenige Menschen. Links hatte ich bald den Viadukt der Kanonenbahn über mir, später die Marienburg. Die Fähren von Pünderich und Briedel am anderen Ufer waren schon in Betrieb, hatten aber jeweils nur einen Fahrgast. In Kaimt blieb ich auf der linken Flussseite und bereute diese Entscheidung schon bald. Am Ortsrand verließ der Radweg bald das Ufer, stieg allmählich an und wurde zum steinigen Feldweg. Auf einem  Mountainbike hätte mir das nichts ausgemacht, mein Brompton mit den kleinen Rädern ist für solche Wege aber nicht gemacht, auch wenn es sich mit seiner Federung  noch ganz gut geschlagen hat.

Blick auf Merl vom steinigen Feldweg © Michael Kneffel

Blick auf Merl vom steinigen Feldweg © Michael Kneffel

Der Feldweg mündete schließlich in die Bundesstraße 53, die ich auch nicht in die Liste meiner Lieblingsradwege aufnehmen werde, die mich aber schnell nach Bullay brachte. Ich wußte, dass die Züge in Richtung Koblenz jeweils zehn Minuten nach der vollen Stunde abfuhren. Als ich den Bahnhof ziemlich genau zehn Minuten nach 11 Uhr erreichte, hatte ich mich schon damit abgefunden, fast eine Stunde warten zu müssen. Von der Fahrkartenverkäuferin erfuhr ich dann aber, dass der Zug noch gar nicht eingefahren sei und ich ihn noch erwischen würde, wenn ich mich beeilte. Tatsächlich schob ich mein Rad genau in dem Moment in einen Waggon, als das Signal zur Abfahrt ertönte. Unter den interessierten Augen des Zugbegleiters verwandelte ich mein Bromton wieder in ein handliches Gepäckstück und suchte mir einen Sitzplatz. Trotz der Verspätung erreichte ich meinen Anschlusszug in Koblenz und war keine zwei Stunden später wieder zu Hause in Essen.

Tourentest bestanden

Von den beiden geschilderten technischen Problemen (Knacken und Luftverlust) abgesehen, die meine heimische Werkstatt in den folgenden Tagen schnell behob, hatte sich mein neues Brompton als Tourenrad voll und ganz bewährt. Schon bei meinem alten Brompton habe ich immer den erstaunlichen Fahrkomfort geschätzt, der sich aus dem langen Radstand, dem Gummipuffer zwischen Rahmen und Hinterbau sowie einem guten Brooks-Sattel ergibt. Beim neuen Rad kommt jetzt noch der höhere Lenker und die aufrechtere Sitzposition hinzu. Als völlig unproblematisch erwies sich auch der Gepäcktransport. In meinen Taschen war noch genug freier Platz für eine doppelt oder dreifach so lange Tour, auch wenn die in einer kühleren oder feuchteren Jahreszeit stattfinden sollte. Mit den Übersetzungen der Sechs-Gang-Schaltung würde ich nicht unbedingt eine Alpenüberquerung in Angriff nehmen, aber auch für hügeligere Strecken, als ich an der Mosel gefahren bin, wird sie mir ausreichen. Leichtester und schwerster Gang liegen in etwa so weit auseinander wie bei meinem Trekkingrad. Gewöhnungsbedürftigt finde ich die Art des Schaltens. Mit dem rechten Schalter werden die drei ziemlich weit auseinander liegenden Gänge der Nabenschaltung ausgewählt. Der linke Schalter, der zwei Ritzel vor der Drei-Gang-Nabe bedient, gibt die Möglichkeit, für jeden der drei Gänge eine leichtere und eine schwerere Variante zu wählen. Wer wie ich gerne mit feinen Abstufungen unterwegs ist, muss häufig beide Schalter bedienen und viel hin und her schalten.

Unterwegs hatte ich manchmal – vor allem wenn ich überholt wurde –  den Verdacht, dass ein Rad mit großen Rädern möglicherweise schneller fahren würde. Aber erstens geht es mir bei solchen Touren wie an der Mosel gar nicht um eine hohe Geschwindigkeit und das Zurücklegen sehr langer Strecken, und zweitens glaube ich, dass bei hochwertigen Rädern mit guten Komponenten, zu denen das Brompton gehört, letztendlich nur die Fitness und der Trainingszustand des Fahrers den Unterschied machen. Ich gebe zu, dass es bei mir in dieser Hinsicht noch Steigerungsmöglichkeiten gibt. Der größte Nachteil der kleinen Räder dürfte in einem höheren Verschleiß bestehen. Kleine Räder müssen sich nun mal öfter und schneller drehen als große. An dem Brompton, das ich seit zehn Jahren fahre, habe ich allerdings bisher noch kein einziges Teil erneuerrn müssen.

(Gelegentlich veröffentlicht WordPress unter meinen Beiträgen Werbung, meist ziemlich seltsame. Ich habe darauf keinen Einfluss.)

Verschwommene Erinnerungen ans Finistère

Ein zufälliges Gespräch gestern über die Bretagne, der Beginn der Messe BOOT in Düsseldorf heute – aus der Erinnerung tauchen verschwommene Bilder auf. Es wird Zeit, mal wieder ans Ende der Welt zu fahren.

Segelschiffe im Hafen von Douarnenez © Michael Kneffel

Segelschiffe im Hafen von Douarnenez © Michael Kneffel

Frauen in bretonischer Tracht auf einem Fest in Beuzec-Cap-Sizun © Michael Kneffel

Frauen in bretonischer Tracht auf einem Fest in Beuzec-Cap-Sizun © Michael Kneffel

Haus am Hafen in Audierne © Michael Kneffel

Haus am Hafen in Audierne © Michael Kneffel

Tänzerinnen und Tänzer auf einem Fest in Beuzec-Cap-Sizun © Michael Kneffel

Tänzerinnen und Tänzer auf einem Fest in Beuzec-Cap-Sizun © Michael Kneffel

altes Segelboot in Douarnenez © Michael Kneffel

altes Segelboot in Douarnenez © Michael Kneffel

Sommerurlaub auf Quiberon 2 – Mitten im lebendigen Hauptort der Halbinsel

alter Hausgiebel in Quiberon © Michael Kneffel

alter Hausgiebel in Quiberon © Michael Kneffel

Was uns ursprünglich auf die Idee gebracht hat, unseren diesjährigen Sommerurlaub im Ort Quiberon und auf der gleichnamigen Halbinsel zu verbringen, können wir gar nicht mehr sagen. Vielleicht war es die überraschende Begegnung mit einem Hermelin, dem Wappentier des Ortes und der gesamten Bretagne, das plötzlich über eine Hafenmauer lief, als wir Quiberon vor vielen Jahren einen Kurzbesuch abstatteten. Damals trauten wir unseren Augen nicht, und erst als wir später noch einmal einen dieser kleinen Marder an einem gut besuchten Strand in der Nähe von Concarneau sahen, waren  wir bereit, auch die erste Begegnung für real zu halten.

Um es gleich vorweg zu sagen, die Entscheidung für unseren diesjährigen Urlaubsort haben wir in keiner Sekunde bereut. Schon unsere Unterkunft, die Ferienresidenz „Maeva“, ein Appartementhaus mit 66 Zimmern, erwies sich als Glücksfall. Nicht unbedingt wegen der Ausstattung, sondern vor allem wegen der Lage – in unmittelbarer Nähe des alten Ortskerns bei der Kirche und trotzdem sehr ruhig. Bäcker, Cafés, Restaurants, Fisch- und Lebensmittelgeschäfte, ein guter Traiteur…  alles innerhalb von drei Minuten zu Fuß zu erreichen. Der große Wochenmarkt und ein Supermarkt gleich um die Ecke. Bekleidungsgeschäfte mit allem, was der Sommerurlauber in der Bretagne und / oder in dieser Saison so tragen soll, kaum weiter entfernt.

Blick auf den Hauptstrand von Quiberon am frühen Abend © Michael Kneffel

Blick auf den Hauptstrand von Quiberon am frühen Abend © Michael Kneffel

Bis zum beliebten Hauptstrand des Ortes und zur rummeligen Promenade waren etwa 600 Meter zu laufen. Dort geht es ums Sehen und Gesehen-Werden. Die ersten 100 Meter des Strandes waren fest in der Hand von Teenies und denen, die gern noch welche wären. Angesagte Strandmode, coole Sonnenbrillen und braune Haut so dicht an dicht wie die Sardinen in den Dosen, für die Quiberon berühmt ist. Anschließend Strandbars für die älteren Semester mit den größeren Portemonnaies und nach zwei-, dreihundert Metern endlich der Strandabschnitt für diejenigen, die vor allem baden wollen. Unsere Lieblingsstrände lagen noch etwas weiter entfernt, aber immer  im Umkreis von zwei Kilometern – mit unseren Fahrrädern überhaupt kein Problem. Am besten hat uns der kleine, gepflegte Strand von Porigo unmittelbar neben dem Hafen Haliguen gefallen.

familiäre Atmosphäre am Strand von Porigo  © Michael Kneffel

familiäre Atmosphäre am Strand von Porigo © Michael Kneffel

Wer keine eigenen Fahrräder dabei hat, kann in mehreren Fahrradgeschäften welche ausleihen. Wir empfehlen dafür das kleinste Fahrradgeschäft im Ort, direkt neben der großen Post. Gleich am ersten Tag hat uns hier ein  freundlicher älterer Herr den Schleichplatten an einem unserer Falträder  repariert und Tage später eine gebrochene Speiche. Das geschah jeweils bei bester Laune und dauerte nicht länger, als wir brauchten, um in der benachbarten Bar „Le Galopin“ einen Café zu trinken. Die unspektakuläre Bar hat uns vom ersten Moment an gefallen. Hier verbringen viele Geschäftsleute aus der Nachbarschaft ihre Mittagspause – immer ein gutes Zeichen. Als dann noch die Chefin mit größter Selbstverständlichkeit einen Hund von beachtlichen Ausmaßen und entsprechendem Appetit adoptierte und aufpäppelte, der sich herrenlos die Bar als Schlafplatz ausgesucht hatte, war für uns die Sache endgültig klar. Von der Bar-Terrasse aus hatten wir einen guten Blick auf das wuselige Treiben im oberen Teil der Stadt und nicht zuletzt auf die Massen von Urlaubern, die mit ihren Rollkoffern und anderem  Gepäck vom Bahnhof im oberen Teil des Ortes zu den Fähren im Hafen oder umgekehrt eilten. Mehrmals am Tag werden von Quiberon aus die größte bretonische Insel Belle-Ile en Mer, und ihre wesentliche kleineren Nachbarinseln Houat und Hoedic angefahren.

Le Galopin im oberen Teil der Stadt  © Michael Kneffel

Le Galopin im oberen Teil der Stadt © Michael Kneffel

Direkt neben dem „Galopin“ warb ein Patissier, Chocolatier und Glacier mit seiner offiziellen Auszeichnung für die besten Macarons Frankreichs. Wir zogen diesem  schicken Laden allerdings die gegenüber gelegene, sehr bodenständige Bäckerei und Patisserie „3 Marches“ vor und wurden für diese Entscheidung durch sensationelle Torten und Kuchen belohnt. Wenn wir danach noch dazu in der Lage waren, sind wir zum Essen am liebsten in eines der Restaurants am Fischereihafen Port Maria gegangen. Wenige hundert Meter von der belebten Strandpromenade mit ihren rappelvollen Restaurants entfernt wird hier die eindeutig interessantere Küche geboten, zu Preisen, die im selben Maße abnehmen, wie man sich vom Strand entfernt. Relativ spät erst haben wir dann noch das „Tourbillon“ entdeckt, ein sehr stilsicher eingerichtetes Bistrot à Vin an der Place Hoche, etwa hundert Meter von der Strandpromenade entfernt.  Hier kehren vor allem Einheimische ein und genießen die schöne Weinauswahl und viele Kleinigkeiten zum Essen. Sardinen und Räucherfisch-Spezialitäten  aus  ortsansässigen Betrieben stehen immer auf der Karte, dazu kommen nicht selten Tagesgerichte mit Zutaten aus biologischem Anbau.

auch der Lieferwagen des Tourbillon hat Stil  © Michael Kneffel

auch der Lieferwagen des Tourbillon hat Stil © Michael Kneffel

In der Aufzählung unserer Lieblingsadressen in Quiberon darf das „Maison Bleue“ auf keinen Fall fehlen. Wie schon erwähnt, herrscht im Ort kein Mangel an Geschäften aller Preisklassen  mit typisch bretonischen Kleidungstücken, Lebensmitteln, Süßigkeiten und Mitbringseln. Das Angebot im blauen Haus am Fischereihafen bewegt sich allerdings auf einem anderen Niveau. Die Besitzerin Anne Padovani versteht sich als Bewahrerin des kulturellen Erbes ihres Landes und präsentiert  im  Verbund mit drei  anderen bretonischen Restauratorinnen eine geschmackvolle  Auswahl an  Gemälden, Keramiken, Skulpturen, Kleinmöbeln und Stoffen.

Quiberon ist ein sehr lebendiges Städtchen mit einem vielfältigen Angebot, in dem man wahrscheinlich auch noch weit außerhalb der Feriensaison alles vorfindet, was man für einen angenehmen Aufenthalt an der Küste benötigt. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt.

Sind Möwen religiös?

Möwe über Quiberon © Michael Kneffel

Möwe über Quiberon © Michael Kneffel

Auf dem Dach des Nachbarhauses bietet sich uns ein seltsames Schauspiel. Drei Möwen – um genau zu sein: Silbermöwen – haben damit begonnen, ein Antennenkabel genauestens zu inspizieren. Erst schreiten sie es langsam ab, was nicht einer gewissen Komik entbehrt, weil sich Möwen zu Fuß auf abfallenden Dächern als ziemlich unsicher erweisen. Danach heben sie das Kabel immer wieder an verschiedenen Stellen bedächtig hoch, halten es eine Weile prüfend im Schnabel, um es kurz darauf wieder fallen zu lassen. Das alles geschieht über einen längeren Zeitraum mit großem, fast schon feierlichem Ernst und – ganz im Unterschied zu ihren üblichen Gewohnheiten – nahezu in Stille.  Nur selten fällt ein nachdenkliches „Gack, Gack“.

Geräuschlosigkeit ist wirklich nicht die hervorstechende Eigenschaft von Silbermöwen, wie wir seit dem ersten Urlaubstag wissen. Gegen 6 Uhr morgens ging es los. Ein unglaubliches Geschrei, Gejammer und Gegacker erfüllte den Luftraum über dem alten Ortskern von Quiberon in der Bretagne – und unsere Gehörgänge. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Eine Bande von etwa 12 Silbermöwen startete von den umliegenden Dächern, sobald sich ein Mensch unten im Ort bewegte. Wahrscheinlich trieb die Hoffnung auf etwas Fressbares und gleichzeitig die Angst, es könnte ihnen jemand zuvor kommen – eine andere Möwe oder womöglich eine Krähe oder Elster – die Seevögel in die Luft und zu lärmenden Scheinattacken in Richtung der erhofften Futterquelle. Irritiert standen wir auf dem Balkon unserer Ferienwohnung im dritten Stock, hörten und schauten uns das Spektakel an. Jede Bewegung unsererseits quittierte das Möwengeschwader mit verstärkten Flugbewegungen. Das kann ja heiter werden, dachten wir und verzogen uns wieder in unsere Wohnung und in unser Bett.

Was uns in den ersten Tagen noch als lärmendes Chaos erschienen war, offenbarte sich jedoch bei genauerem Hinhören und -sehen nach und nach als komplexe Choreographie mit fein abgestimmten Solo-, Chor- und Wechselgesängen. Mehr und mehr wurden wir davon überzeugt, dass Möwen zu eindrucksvollen kulturellen Leistungen fähig sind. Die andächtige Hinwendung zum Antennenkabel gab uns allerdings Rätsel auf.

Möwe über Quiberon © Michael Kneffel

Möwe über Quiberon © Michael Kneffel

Tage später wurden wir am frühen Morgen erneut auf die drei aufmerksam. Vom Nebendach erklang in regelmäßigen Abständen ein katzenähnlicher Jammer- und Klagelaut, der uns schließlich auf den Balkon lockte. Der sich uns bietende Anblick war frappierend. Normalerweise standen alle Möwen, die nicht gerade flogen, mit stocksteifen Beinen auf den Dächern herum. Nun aber lag eine von den dreien in einer anbetungsähnlichen, von tiefer Demut zeugenden Haltung vor dem Antennenkabel auf dem Bauch und – wie soll man es anders ausdrücken – sang es an, inbrünstig und mit großer Ausdauer. Die beiden anderen flankierten sie völlig stumm und in der würdevollen Haltung von zwei katholischen Messdienern, was der ganzen Aktion den Charakter eines rituellen Handlung verlieh.

Nun war die Bretagne schon vor Jahrtausenden Schauplatz seltsamer und bis heute weitgehend unverstandener kultischer Handlungen, die in der Regel um tonnenschwere, aufrecht stehende Steine kreisten. Carnac mit seinen mehr als 3000 Menhiren ist keine zwölf Kilometer entfernt. Kann es sein, dass diese Gegend spirituell so aufgeladen ist, dass selbst Möwen…? Natürlich unter Berücksichtigung des technischen Fortschritts und in voller Wertschätzung moderner Massenkommunikationsmittel?

Möwe über Quiberon © Michael Kneffel

Möwe über Quiberon © Michael Kneffel

Vor und nach dem Sturm

Innerhalb kürzester Zeit kann an der Küste der Bretagne das Wetter umschlagen – auch im Hochsommer. Von strahlendem Sonnenschein zu Weltuntergang. Schaum fliegt vom aufgepeitschten Meer hoch bis auf die Klippen oder sammelt sich als Teppich an den Stränden. Wenn der Sturm losbricht, geht niemand mehr freiwillig ins Freie. Aber die Minuten davor und danach sind großartig.

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Côte Sauvage © Michael Kneffel

Sommerurlaub auf Quiberon 1 – An der wilden Küste, der Côte Sauvage

Quiberons wilde Seite, die Côte Sauvage © Michael Kneffel

Quiberons wilde Seite, die Côte Sauvage © Michael Kneffel

Wir sitzen mal wieder in der Crêperie „Avel Mor“ im kleinen und beschaulichen Hafen von Portivy auf der Halbinsel Quiberon in der Bretagne. Ende Juli, Hochsaison. Mittags ist hier jeder Stuhl besetzt, und es lässt sich nicht vermeiden, das eine oder andere Gespräch in der Nachbarschaft mitzuhören. Am Nebentisch versteht eine Kellnerin nicht die Frage eines französischen Urlaubers, und der Urlauber nicht ihre Antworten. Gefragt hatte der Gast nach der schönsten Stelle an der Côte Sauvage, Quiberons wilder Westküste, und die junge Frau schildert ihm mit großer Begeisterung, in immer neuen Anläufen und immer detail- und wortreicher die Schönheit dieses etwa sieben Kilometer langen, felsigen Küstenabschnitts.

Nach fast zwei Wochen Urlaub auf der Halbinsel würden wir jedes Wort von ihr unterschreiben, verstehen aber auch, warum die Kommunikation zwischen den beiden so gar nicht funktionieren will: Die schönste Stelle an der Côte Sauvage gibt es nämlich nicht. Die gesamten sieben Kilometer sind eine Wucht, und alle paar Meter gibt es neue umwerfende Aussichten auf die Felsen und das Meer. Fast täglich sind wir mit unseren Fahrrädern die schmale, kurvige Küstenstraße abgefahren, haben unzählige Male angehalten und konnten uns nicht satt sehen. Je nach Tageszeit, Wasserstand und Wetter gab es Neues zu entdecken.

Felsenlandschaft in der Bucht Port Bara © Michael Kneffel

Felsenlandschaft in der Bucht Port Bara © Michael Kneffel

Mal führt die Straße ganz nah an den Klippen vorbei, mal in größerer Entfernung über Anhöhen, die weite Blicke eröffnen. An mehreren Stellen biegen Wege zu einzelnen Buchten ab und enden in gebührendem Abstand auf Parkplätzen, von denen man zu Fuß weiter gehen muss. In früheren Jahren hatte dieses großartige Stück Natur so sehr unter dem Ansturm der Besucher gelitten, dass nun große Flächen oberhalb der Felsen durch einen Draht abgetrennt sind, der über kniehohe Holzpfosten gespannt ist. Auf Tafeln werden die Besucher gebeten, auf den Fußwegen zu bleiben und die Vegetation zu schonen. Erfreulicherweise funktioniert diese eher symbolische Absperrung sehr gut. Nur wenige Menschen betreten die abgesperrten Flächen, so dass sich auch die dort lebenden Vögel einigermaßen sicher fühlen können.

Ein junger Turmfalke sitzt nur wenige Meter entfernt vom Wanderweg © Michael Kneffel

Ein junger Turmfalke sitzt nur wenige Meter entfernt vom Wanderweg © Michael Kneffel

An der ganzen Côte Sauvage gilt striktes Badeverbot, weniger aus Gründen des Naturschutzes als wegen der Gefahr, die von den mitunter eindrucksvollen Wellen ausgehen, die gegen die Felsen krachen. Unbeeindruckt von dem Verbot zeigen sich vor allem die einheimischen Surfer, denen die Wellen gar nicht hoch genug sein können und die es besonders dann scharenweise in die einschlägigen Buchten treibt, wenn sich vorher ein Unwetter über dem Meer ausgetobt hat. In der Urlaubssaison ziehen sie viele Zuschauer an, von denen sich nicht wenige in denselben engen Buchten zum Baden in die Wellen stürzen. Dabei riskieren sie nicht nur, dass ihnen heftige Wellen die Beine wegziehen, sondern außerdem, dass sie von den Surfern im wahrsten Sinne des Wortes überfahren werden.

Badende und Surfer riskieren Kopf und Kragen © Michael Kneffel

Badende und Surfer riskieren Kopf und Kragen © Michael Kneffel

Die Côte Sauvage läßt sich auch mühelos erwandern. Unmittelbar über dem Meer führt ein schmaler Weg von Bucht zu Bucht und von Aussicht zu Aussicht. Er beginnt im Norden in Portivy und endet im Süden am nicht zu übersehenden Château Turpault am Rande des Hauptortes der Halbinsel, der ihr den Namen gegeben hat. Die einzige Einkehrmöglichkeit findet sich erst wieder etwa anderthalb Kilometer vor dem Ort Quiberon. Das hier sehr schön gelegene Restaurant „Le Vivier“ ist wegen seiner Austern und Meeresfrüchte im weiten Umkreis sehr beliebt und in der Hauptsaison mittags und abends in der Regel ausgebucht. Wer auf der Terrasse die Aussicht in Ruhe genießen möchte, plant seine Küstenwanderung, die eher ein langer Spaziergang ist, am besten so, dass er noch am Vormittag „Le Vivier“ erreicht und dort seinen Café nimmt.

Anfangs- oder Endpunkt der Küstenwanderung ist das Château Thurpault © Michael Kneffel

Anfangs- oder Endpunkt der Küstenwanderung ist das Château Turpault © Michael Kneffel

Mein Foto der Woche – der Felsenbogen von Port Blanc auf Quiberon

Felsbogen von Port Blanc © Michael Kneffel

Felsenbogen von Port Blanc  © Michael Kneffel

Diesen Sommerurlaub haben wir auf der Halbinsel Quiberon in der Bretagne verbracht. Das Foto der Woche zeigt den Felsbogen von Port Blanc (Porz Guen) an der Côte Sauvage, eine der vielen Sehenswürdigkeiten dieser großartigen Urlaubsregion. In Kürze folgt ein ausführlicher Bericht mit vielen Fotos.