Statt eines Portfolios – Ruhrtriennale-Fotos aus 12 Jahren

Vor 14 Jahren habe ich damit begonnen, für die Ruhrtriennale, das Festival der Künste im Ruhrgebiet, zu fotografieren. Nach einer zweijährigen Pause möchte ich diese Arbeit nun fortzusetzen. In zwei Jahren kann sich allerdings einiges ändern, u. a. die Vergabemodalitäten von Foto-Aufträgen. Wo früher Kulturveranstalter ihre Aufträge an diejenigen Personen vergeben konnten, die ihnen für die jeweilige Aufgabe am geeignetsten erschienen, schreiben heute die Geldgeber öffentliche Ausschreibungen vor, bei denen das Hauptauswahlkriterium die „Wirtschaftlichkeit“ ist. Auch Fotografen müssen sich seit einiger Zeit zunehmend im Rahmen von Ausschreibungen um Aufträge bewerben. Nun hat sich nach der Einführung solcher Vergaberichtlinien aber schnell gezeigt, dass die Auftraggeber zwar einiges an Honoraren einsparen konnten, andererseits aber auch gar nicht mal so selten Fotos geliefert bekamen, mit denen sie nicht das Geringste anfangen konnten. Dumm gelaufen, vor allem bei solchen Kulturveranstaltungen, die nicht so ohne weiteres zu wiederholen waren. Seit einiger Zeit werden deshalb bei der Auftragsvergabe nicht nur die jeweilige Honorarvorstellung, sondern auch Qualifikation und Erfahrung sowie Stilempfinden und Ästhetik des Bewerbers berücksichtigt. Zu diesem Zweck werden auch von der Ruhrtriennale neuerdings Eigenerklärungen und Portfolios zum Nachweis von Expertise und Qualität angefordert. Das gilt für alle Fotografen, solche, die bereits zahlreiche Produktionen des Festivals fotografiert haben, und solche, die sich zum ersten Mal bewerben.

Ich nehme die Aufforderung zum Anlass, auf 12 Jahre meiner Arbeit für dieses Festival zurück zu blicken und einige Fotos auszuwählen und zu kommentieren. Das ist bei der großen Zahl der gemachten Aufnahmen nicht ganz einfach. Ich werde mich deshalb auf solche beschränken, die von der Ruhrtriennale intensiv für die eigene Selbstdarstellung genutzt wurden und die auch für mich eine besondere Bedeutung haben. Dieser Beitrag weicht sicherlich etwas von der Form üblicher Portfolios ab, aber ich hoffe, dass er trotzdem als Befähigungsnachweis akzeptiert werden kann.

Heliogabal 2003

Im Jahr 2003, ein Jahr nach Beginn der Intendanz von Gerard Mortier, hatte ich mich erstmalig für eine Fotoprobe angemeldet. Aufgeführt wurde die Kreation „Heliogabal“ in der Duisburger Gebläsehalle, und ich war sofort fasziniert von der Art, wie Peter Vermeersch und Thomas Jonigk die alte Industriehalle für ihre Produktion nutzten. Es entstand etwas ganz Eigenes, das auf keiner Bühne eines klassischen Theaterbaus zu erreichen ist. Einige meiner Fotos schickte ich dem damaligen Pressesprecher und bekam postwendend die Anfrage, ob ich sie nicht der Pressestelle zur Verfügung stellen wolle. Kein schlechter Anfang, natürlich wollte ich. Die Fotos erschienen anschließend in vielen in- und ausländischen Zeitungen, bis hin zur New York Times.

 

Saint Francois d´Assise, 2003

Im selben Jahr dokumentierte ich die Premiere der Oper „Saint Francois d´Assise“ von Olivier Messiaen in der Bochumer Jahrhunderthalle. Diese mehrstündige Produktion unter Leitung von Sylvain Cambreling, für die Ilya und Emilia Kabakov eine gewaltige Domkuppel konstruiert hatten, zählt für mich mit ihrer meditativen Ruhe und der starken Reduktion der Ausstattung zu den ganz großen Highlights der bisherigen Ruhrtriennale.

 

Die Soldaten, 2006

Von Anfang an waren die alten Industriehallen in Bochum, Duisburg, Essen und Gladbeck die heimlichen Stars der Ruhrtriennale. Produzenten und Regisseuren bieten sie außergewöhnliche Möglichkeiten, stellen gleichzeitig aber auch sehr hohe Anforderungen. 2006 und 2007 inszenierten Regisseur David Pountney und Bühnenbildner Robert Innes die Oper „Die Soldaten“ von Alois Zimmermann in der Bochumer Jahunderthalle und schrieben damit Musiktheater-Geschichte. Erstmals nutzten sie die gesamte Länge der Halle von 130 Metern für eine fast ebenso lange Bühne von drei Metern Breite, an der die Zuschauer auf einer fahrbaren Tribühne entlang bewegt wurden. Die 120 Musiker der Bochumer Symphoniker waren in den Seitenschiffen der Halle untergebracht. Mich haben Raumkonzept und Inszenierung ungeheuer beeindruckt und begeistert, im ersten Jahr ebenso wie bei der Wiederaufnahme.

 

Konzerte, U- und Weltmusik

Wie viele Konzerte ich bisher für die Ruhrtriennale fotografiert habe, kann ich nur schätzen. Es dürften so um die 30 gewesen sein. Hier lag eindeutig der Schwerpunkt meiner bisherigen Arbeit. Angefangen hat es 2003 mit einem Konzert von Susan Vega, an das ich mich besonders gern erinnere. Speziell war sicherlich das Konzert von Iggy Pop 2009, der  am Ende mit Dutzenden von Zuschauern über die Bühne tobte. Nach dem Auslaufen der Reihe „Century of Song“, in der vor allem Singer/Songwriter aus dem englischen Sprachraum präsentiert wurden, folgten etliche Konzerte mit Weltmusikstars aus Afrika, Asien und dem Mittleren Osten.

 

Klassikkonzerte

Im Laufe der Jahre wechselte ich bei den Konzerten zuehmend „ins klassische Fach“ und wurde der Mann für die leisen Auftritte. Bekanntlich können Spiegelreflexkameras einen beachtlichen Lärm produzieren, was daran liegt, dass bei jedem Auslösen der Spiegel in der Kamera hoch und runter klappt und ein mechanischer Verschluss sich öffnet und wieder schließt. Bei manchen Kollegen können sich diese Geräusche zu einem maschinengewehrähnlichen Rattern steigern, was bei Besuchern von Klassikkonzerten in der Regel nicht so gut ankommt. Wenn die Kollegen dann auch noch ständig vor der Bühne hin- und her laufen, ist Ärger vorprogrammiert. Mir selbst als Konzertbesucher geht so eine Arbeitsweise auch auf die Nerven, also achte ich beim Fotografieren von Klassikkonzerten darauf, möglichst unsichtbar zu bleiben und meine Kameras so zu dämpfen, dass keine Auslösegeräusche zu hören sind. In großen Hallen lässt sich das noch gut bewerkstelligen, schwieriger wird es bei der Ruhrtriennale, wenn Konzerte in der relativ kleinen Maschinenhalle der Zeche Carl in Essen anstehen. In dieser kleinen Halle mit ihrer fast schon intimen Atmosphäre sitzt der nächste zahlende Zuschauer höchstens eine Armlänge entfernt vom Fotografen. Andererseits bietet sich hier mitunter die Gelegenheit, großartigen Solisten während des Einspielens für Portraitaufnahmen sehr nah zu kommen. Mir ist es in solchen besonderen Momenten aber auch schon passiert, dass ich von der Virtuosität eines Solisten und dem Wohlklang seines Spiels dermaßen in Bann gezogen war, dass ich eine ganze Weile das Fotografieren vergessen habe, zuletzt bei Edin Karamasov.

 

Neither, 2014

Von den Musiktheaterstücken in der jüngeren Vergangenheit ist mir „Neither“ aus dem Jahr 2014 in besonderer Erinnerung geblieben. Romeo Castellucci hatte zuvor schon mit hohem technischen Aufwand andere spektakuläre Stücke für die Ruhrtriennale in Szene gesetzt. Bei diesem Stück war der Aufwand auch nicht gerade gering: eine große Dampflokomotive in der Jahrhunderthalle, starke Scheinwerfer, die außerhalb der Halle an einem Kran hängend die Szenerie durch die Dachfenster beleuchteten, eine bewegliche Zuschauertribüne. Bei aller dadurch erzeugten Bildgewalt faszinierte mich diese Produktion aber vor allem durch ihre gleichzeitige Reduziertheit.

 

Das Rheingold, 2015

Großartige Theater, Opernhäuser und Kulturfestivals gibt es in Deutschland und jenseits der Landesgrenzen viele. Die Ruhrtriennale hebt sich von ihnen nicht zuletzt durch die Bespielung alter Industrieanlagen ab. In den Sternstunden des Festivals sind diese Anlagen nicht einfach nur geräumige Hüllen für Inszenierungen, die viel Platz beanspruchen, sondern werden selbst zu elementaren Bestandteilen von Produktionen. In seinem ersten Intendantenjahr 2015 hat Johan Simons „Das Rheingold“ von Richard Wagner als Kreation aus Oper, Theater und Installation in den gewaltigen Raum der Bochumer Jahrhunderthalle inszeniert. Zusammen mit dem Dirigenten Teodor Currentzis und dem Techno-Künstler Mika Vainio erzählte er den ersten Teil der Wagnerschen Nibelungengeschichte als Geschichte des Ruhrgebiets, der Industrialisierung, der Arbeit unter Tage und des Kapitalismus. Dafür nutzte er die ganze Höhe und die Tiefe der ehemaligen Industriehalle.

 

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„Das Rheingold“ in der Jahrhunderthalle Bochum bei der Ruhrtriennale 2015 – in der Höhe des Raums

Solche Opernerlebnisse gibt´s im Stadttheater nicht. Dafür muss man zur Ruhrtriennale. In seinem ersten Intendantenjahr hat Johan Simons „Das Rheingold“ von Richard Wagner als Kreation aus Oper, Theater und Installation in den gewaltigen Raum der Bochumer Jahrhunderthalle inszeniert. Zusammen mit dem Dirigenten Teodor Currentzis und dem Techno-Künstler Mika Vainio erzählt er den ersten Teil der Wagnerschen Nibelungengeschichte als Geschichte des Ruhrgebiets, der Industrialisierung, der Arbeit unter Tage und des Kapitalismus. Dafür nutzt er die ganze Höhe und die Tiefe der ehemaligen Industriehalle. Hier einige Impressionen:

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Das Rheingold, Ruhrtriennale 2015 © Michael Kneffel

Weitere Fotos gibt es auf meiner Homepage zu sehen.

Impressionen von der Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale 2015

Posaunenengel zur Programmverkündung © Michael Kneffel

Posaunenengel zur Programmverkündung © Michael Kneffel

Es geht bald wieder los. Na ja, so ganz bald auch wieder nicht. Zumindest nicht für das Publikum. Das bekommt frühstens am 14. August etwas zu sehen. Die Macher der neuen Ruhrtriiiennale-Spielzeit 2015-2017 sind allerdings schon lange mit Hochdruck bei der Arbeit und stellten das Programm für dieses Jahr erstmals schon im Februar der Presse vor. Wer zuerst kommt, verkauft zuerst – Tickets und Reisepakete zu den Aufführungen. Zwischen den Karussels und Buden des historischen Jahrmarkts in der Bochumer Jahrhunderthalle präsentierten der neue Intendant Johan Simons und Mitglieder seines Teams am Montag ein pralles Festival-Programm mit 40 Produktionen an den bekannten und einigen neuen Spielorten. Wem das Programm von Willy Decker zu spirituell und das von Heiner Goebbels zu akademisch war, der kann sich auf viele Eigenproduktionen im Geiste der von Gerard Mortier für die Ruhrtriennale entwickelten Kreationen freuen, mit denen Johan Simons sein Publikum umschlingen will. Mehr Informationen zum kommenden Programm unter dem Motto „Seid umschlungen“ gibt es auf der offiziellen Festivalseite www.ruhrtriennale.de.

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale 2015 © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale 2015 © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale 2015 © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale 2015 © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale 2015 © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale 2015 © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale © Michael Kneffel

Programmpressekonferenz der Ruhrtriiiennale 2015 © Michael Kneffel

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Romeo Castelluccis „Neither“ bei der Ruhrtriennale – großes Spektakel für die Jahrhunderthalle

Auch in seiner letzten Produktion für die Ruhrtriennale hat Romeo Castellucci wieder viele Register gezogen, um sein Publikum zu beeindrucken. Erst lässt er in „Neither“ ein kleines Kind, eine Katze, einen Hund und ein Pferd auftreten, dann eine ausgewachsene Dampflokomotive durch die Jahrhunderthalle und fast ins Publikum fahren. Zum Glück bewegt sich die gesamte Zuschauertribüne rechtzeitig zurück, so dass die Sorge vor dem Zusammenstoß einem kollektiven Seufzer der Erleichterung weichen kann. Die atemlose Aufmerksamkeit des Publikums sichert Castellucci dem Stück durch minutenlange Passagen, in denen kein Ton zu hören ist. Schöne Bilder, wie man sie aus amerikanischen Gangsterfilmen und italienischen Arbeiter-Epen kennt, werden von ihm in die Halle gestellt. Und schließlich illuminiert er die Halle selbst durch starke Scheinwerfer, die sich außen über der Halle bewegen, und macht das Industriedenkmal zum eigentlichen Hauptdarsteller der Veranstaltung.  Was für ein Spektakel!

Romeo Castellucis "Neither" in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castelluccis „Neither“ in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castellucis "Neither" in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castelluccis „Neither“ in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castellucis "Neither" in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castelluccis „Neither“ in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castellucis "Neither" in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castelluccis „Neither“ in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castellucis "Neither" in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castelluccis „Neither“ in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castellucis "Neither" in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castelluccis „Neither“ in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castellucis "Neither" in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castelluccis „Neither“ in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castellucis "Neither" in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Romeo Castelluccis „Neither“ in der Bochumer Jahrhunderthalle © Michael Kneffel

Weitere Fotos gibt es auf meiner Homepage zu sehen.

 

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Frech, bunt, fröhlich – Moving Borders bei der internationalen tanzmesse nrw 2014

Moving Borders © Michael Kneffel

Moving Borders © Michael Kneffel

Darf Tanz dem Publikum Spaß machen? Die vier Tänzer von Moving Borders aus Mexiko sind offenkundig dieser Meinung. Mit dem Stück „Nosotros“ von Jaciel Neri brachten sie am Freitagabend das Tanzmesse-Publikum mehr als einmal zum Lachen und bekamen am Ende für ihren Auftritt tosenden Beifall. Mal tobten sie als Machos einer Streetgang, mal im Kung-Fu-Stil und dann wieder als Freistilringer im mexikanischen Lucha-Libre-Outfit über die Bühne. Manchmal auch darüber hinaus.

Moving Borders © Michael Kneffel

Moving Borders © Michael Kneffel

Im letzten Teil des Stücks bewiesen sie dann vorsichtshalber, dass sie es auch ruhig und gefühlvoll können. Wär gar nicht nötig gewesen. Denn da gehörten sie längst zu den Publikumslieblingen der diesjährigen Tanzmesse.

Moving Borders © Michael Kneffel

Moving Borders © Michael Kneffel

Mehr Fotos gibt es auf meiner Homepage.

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Internationale Tanzmesse NRW in Düsseldorf – Das Publikum wird zum Auftakt auf die Probe gestellt

Am letzten Mittwoch hat die 10. internationale tanzmesse nrw in Düsseldorf ihre Pforten geöffnet. Seit ihrem legendären Beginn vor zwanzig Jahren auf dem Gelände und in den Gebäuden der damals noch nicht renovierten Zeche Zollverein in Essen hat sich diese Veranstaltung zu einem Pflichttermin für die internationale Tanzszene entwickelt, als Branchentreff und als Schaufenster für Produktionen, die neue Aufführungsorte suchen. Das dichte Programm und die gewaltige stilistische Bandbreite der aufgeführten Produktionen verlangt schon immer viel Disziplin, Ausdauer und Offenheit von Besuchern und Zuschauern. In diesem Jahr scheinen einige Choreographen und Kompagnien ihr Publikum zusätzlich auf die Probe stellen zu wollen.

Ballet Preljocaj © Michael Kneffel

Ballet Preljocaj © Michael Kneffel

Eröffnet wurde die Tannzmesse durch das französische Ballet Preljocaj mit dem Zyklus „Empty Moves (parts I, II, & III)„. 100 Minuten lang bewegen sich vier Tänzerinnen und Tänzer nahezu ohne Pause und mit enormer Synchronität zur Originalaufnahme einer „Lesung“ von Jon Cage  durch alle möglichen Facetten des Tanzes. Während ich tief beeindruckt bin von ihrer physischen und kognitiven Leistung, frage ich mich mit zunehmender Dauer, ob ich als Zuschauer Teil einer Versuchsanordnung bin. Im Soundtrack zum Stück spricht John Cage mit großer Monotie sinnlose Silben und künstliche „Wörter“ ins Mikrofon. Nach und nach machen sich die Zuhörer bemerkbar, lachen, protestieren und übernehmen schließlich die Regie und die akustische Hohheit über die „Lesung“. Ist es das, was das Ballet Preljocaj beabsichtigt? Einen Aufstand der Zuschauer? Im Düsseldorfer Capitol Theater bleibt es ruhig. Einige wenige verlassen vorzeitig den Saal. Die Mehrheit spendet kräftig Beifall. Nur in den Gesprächen danach ist nicht selten von „Provokation“ und „Zumutung“ die Rede.

Ballet National de Marseille © Michael Kneffel

Ballet National de Marseille © Michael Kneffel

Im folgenden Stück „Élégie“ von Olivier Dubois stellt das Ballet National de Marseille das Publikum auf eine andere Probe. In einem schwarzen Bühnenkasten, hinter künstlichen Neblschwaden bewegen sich die Akteure überwiegend unter Lichtquellen, die nicht mehr Sicht erlauben als eine brennende Kerze. Dass bis auf eine Person alle anderen in schwarzen Ganzkörperkostümen agieren, erhöht die Sichtbarkeit auch nicht gerade. Dazu kommt eine phasenweise ohrenbetäubende Musik. Tanz an der untersten Grenze der Wahrnehmbarkeit.

Ich bin gespannt, was die nächsten Tage noch bringen werden.

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Tanz im Regen – auf der Halde Haniel bei der Ruhrtriennale

Um 19 Uhr sollen am Samstagabend die Busse mit den Zuschauern auf die Bottroper Halde Haniel hoch fahren, wo eine Stunde später das Tanzstück „Levée de conflits“ vom Musée de la dance unter Boris Charmatz aufgeführt werden soll. Ich sehe viele erwartungsfrohe Gesichter und eine Menge Picknick-Körbe. Kurz vor dem Abfahrtstermin kommt aber ein „Stop!“ der Veranstaltungsleitung. Am Nachmittag hatte es kräftig geregnet, der Wetterbericht für den Abend sagt weiteren Niederschlag voraus und auch jetzt tröpfelt es leicht vor sich hin. Die ersten Regenschirme werden aufgespannt. Oben auf der Halde ist die Tanzfläche, ein Rasenstück, völlig durchnässt, und damit stellt sich die Frage, ob das Tanzen darauf  für die Tänzerinnen und Tänzer nicht viel zu gefährlich ist. Kurz nach 19 Uhr kommt dann doch das „ok“. Oben werden die Zuschauer und Zuschauerinnen von leichtem Regen empfangen. Dünne Regencapes werden verteilt und übergezogen. Ich mache mich sofort auf den Weg zu den „Totems“ von Agustin Ibarrola, um von oben das Geschehen auf der Halde und im Amphitheater zu fotografieren. Im letzten Jahr standen und saßen hier viele Menschen und genossen am Ende eines heißen Sommertages den Blick über das halbe Ruhrgebiet und das Ruhrtriennale-Konzert „Boredoms“ in einer fast magischen Atmosphäre. Heute verirrt sich kaum jemand hierher. Der Weg ist zu glatt und zu matschig, der Blick reicht nicht weit über den Haldenrand. Ein einsamer Zuschauer sitzt auf einem der Pfähle. Als die Vorstellung beginnt, hat der Regen aufgehört. Aber nur für kurze Phasen. Fünfzehn Minuten vor Schluss scheinen sich dann alle Schleusen zu öffnen. Ich weiß kaum noch, wie ich die Kameras trocken halten soll. Kurz vor dem Schlussapplaus mache ich mich schon wieder auf den Weg nach unten. An Fotografieren ist jetzt nicht mehr zu denken. Das Publikum ist begeistert und voller Hochachtung für die Leistung und den Durchhaltewillen der Tänzerinnen und Tänzer. Innerhalb kürzester Zeit füllen sich die Busse wieder, und die Luftfeuchtigkeit steuert schnell auf die 100%-Marke zu. Der Begeisterung der Mitfahrenden tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Warten auf das "ok" © Michael Kneffel

Warten auf das „ok“ © Michael Kneffel

auf dem Weg ins Amphitheater  © Michael Kneffel

auf dem Weg ins Amphitheater © Michael Kneffel

das Amphiteater füllt sich © Michael Kneffel

das Amphitheater füllt sich © Michael Kneffel

fast schon gewohnte Premierenkleidung im Ruhrgebiet © Michael Kneffel

fast schon gewohnte Premierenkleidung im Ruhrgebiet © Michael Kneffel

ein Moment ohne Regen  © Michael Kneffel

ein Moment ohne Regen © Michael Kneffel

einsamer Zuschauer © Michael Kneffel

Pfahlsitzen für den Tanz © Michael Kneffel

der Regen wird heftiger  © Michael Kneffel

der Regen wird heftiger © Michael Kneffel

Schlussapplaus im strömenden Regen  © Michael Kneffel

Schlussapplaus im strömenden Regen © Michael Kneffel