Brüssel nostalgisch schwarz-weiß

Der letzte Aufenthalt in Brüssel liegt noch kein Jahr zurück. Dann kam das Virus. Reisewarnungen, Risikogebiet, Schließung von Geschäften, Restaurants, Cafés, Museen, Theatern… Im Sommer bereits meldete das altehrwürdige Hotel Metropole Insolvenz an. Wie viele andere Einrichtungen, die den Charme dieser schönen Stadt ausmachen, werden folgen? Wie wird Brüssel nach Corona / Covid 19 aussehen? Mit Wehmut und Sorge denke ich an liebgewordene Orte in der Stadt.

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Nicht in Frankreich, aber auch schon etwas französisch…

Es ist einige Monate her, dass wir in Frankreich waren. Wie gut, dass es keine 150 km entfernt vom Ruhrgebiet schon einiges zu finden gibt, was unsere Entzugssymptome für einen Tag lindern konnte. Wer errät, wo wir am letzten Samstag waren?

© Michael Kneffel

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Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 5

05. Tag, Donnerstag, 12.05.2011, Labuissière – Le Nouvion-en-Thiérache (F), 89 km, 8:00-17:00 Uhr

Früh am Morgen, ungewaschen und ohne meine Wasserflaschen irgendwo auffüllen zu können, verlasse ich den Platz und folge schon bald wieder dem schönen Uferradweg. In Jeumont überschreite ich die Grenze nach Frankreich und nehme in einem der typischen kleinen Etablissements mit dem Titel Bar/Café/Tabac/PMU meinen Café au lait. Für die Croissants schickt mich der Besitzer, der sich als Kind einer Leipziger Mutter outet, in die Bäckerei drei Häuser weiter und ich registriere dankbar, dass er mich nicht auf den Supermarkt gegenüber verweist, wo es ebenfalls Gebackenes gibt. Croissant und Pain au Chocolat sind ausgezeichnet, ich fülle meine Wasserflaschen auf und beobachte danach noch eine Weile die Rubbel-Los-Sucht, der offenbar nicht wenige Einwohner Jeumonts verfallen sind. Getrunken wird in dieser Bar nicht viel, gerubbelt aber non-stop. Vor allem ältere Menschen legen nicht gerade wenig Geld auf die Theke in der Hoffnung auf das schnelle Glück. Wo immer ich in den folgenden Tagen auf einen Kaffee oder eine Orangina einkehre, spielen sich dieselben Szenen ab. Ein Land im Rubbel-Fieber.

Bis hinter Maubeuge ist mein Radweg in gutem Zustand und auch die Beschilderung ist in Ordnung. Danach verlieren sich beide irgendwo in der Landschaft. Ich fahre ab Hautmont Landstraße und bin froh, meine dicke Regenjacke anzuhaben, weil der Wind kühl und stramm von vorn kommt. Mit dem Abschied vom Ufer beginnen sofort die Steigungen. Ab Berlaimont finde ich dann aber doch wieder stille kleine Straßen, die in der Nähe der Sambre ziemlich flach verlaufen. An Maroilles vorbei und durch Landrecies gelange ich auf einer ruhigen Tagesetappe nach Boué, wo es zwei Campingplätze geben soll. Ich finde nicht mal einen und fahre weiter nach Le Nouvion-en-Thiérache. Das Städtchen macht einen lebendigen Eindruck, ich sehe mehrere Restaurants und freue mich auf ein gutes Abendessen. Der Campingplatz des Ortes, etwas außerhalb gelegen an einem kleinen See auf dem parkähnlichen Grundstück eines eindrucksvollen Herrenhauses ist weitestgehend leer, aber großartig. Die Übernachtung kostet trotzdem für den Radtouristen nur 3,21 Euro! Nach dem Zeltaufbau wasche ich meine Radkleidung, spüle den Staub vom Rad und gehe schließlich duschen. Hätte mich trotz des kühlen Vormittags besser eincremen sollen. Mein linkes Ohr, die linke Wade und die Handrücken sind reichlich rot.

Mit dem Rad erkunde ich kurz nach 20:00 Uhr den Ort und muss feststellen, dass alle Restaurants inzwischen geschlossen sind. Nur eine Stehpizzeria hat geöffnet. So groß ist der Hunger dann doch nicht. Zurück auf dem Campingplatz kann ich noch eine Dose Erdnüsse und zwei Dosen Fanta kaufen, die mein Abendessen werden. Allmählich entwickelt sich meine Fahrradtour zur Fastentour. Dabei bin ich gar nicht auf dem Pilgerweg! Im Gemeinschaftsraum des Platzes unterhalte ich mich mit einem niederländischen Paar in meinem Alter, das auf der „Van-Gogh-Route“ von Paris nach Amsterdam fährt und die eigene Route per GPS erfasst, um sie später anderen Radtouristen zu verkaufen.

In dieser Nacht singen mich die Kröten des Sees in den Schlaf und meine Sonnenbrände halten mich warm.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 4

04. Tag, Mittwoch, 11.05.2011, Sclayn – Labuissière, 95 km, 8:45-18:00 Uhr

Ich starte bei kühlen Temperaturen und deutlichem West-/ Gegenwind, der mir bis zum Abend treu bleibt. Zuvor hat mir mein Gastgeber noch versichert, dass es einen guten Uferradweg bis Charleroi, meinem nächsten Etappenziel geben werde. Meine Radhose und mein Hinterteil habe ich heute mit Vaseline und der besagten Hirschtalg-Creme präpariert. Bis zum Ende der Tour schützt mich dieses tägliche Verfahren weitestgehend vor neuen Problemen.

am Zusammenfluss von Meuse und Sambre in Namur, (c) Michael Kneffel

Anfangs an der Maas, die in Belgien Meuse heißt, ist der Weg tatsächlich prima. Im hübschen Namur überquere ich den Fluss und fahre am Südufer der Sambre weiter, die hier unterhalb der mächtigen Vauban-Festung einmündet. Mit dem guten Radweg ist es schnell vorbei. Ohne Vorankündigung ist der Weg plötzlich wegen einer Baustelle völlig gesperrt. Ich fahre auf der Landstraße weiter, versuche es später noch einmal mit dem Uferweg und stehe kurz darauf vor der nächsten Vollsperrung ohne Vorwarnung. Schade, denn die Sambre windet sich hier wirklich sehr schön durch die Landschaft. Also fahre ich auf der Landstraße weiter, die den Fluss begleitet und muss sofort einige Steigungen nehmen. Bei Arsimont stehe ich plötzlich vor einer autobahnähnlichen Schnellstraße. Keine Überführung, keine Unterführung. Einfach Ende meiner Straße. Ein radelndes Paar steht ebenso irritiert wie ich vor diesem Hindernis und fährt dann wieder zurück. Ich warte eine große Lücke im Verkehr ab und schiebe schließlich mein Rad so schnell wie möglich auf die andere Seite, wo meine Landstraße sich fortsetzt. Es wird deutlich wärmer, allmählich wieder industrieller, und ich beschließe, nicht mehr jeder Windung der Sambre zu folgen, sondern direkt über Pont-de-Loup den Süden von Charleroi anzusteuern. So wie hier hat das Ruhrgebiet vor 30 Jahren etwa in der Emscherregion ausgesehen. Potthässlich. Auf staubigen Straßen, die sich in einem fürchterlichen Zustand befinden, nähere ich mich weiter der Stadt von Südosten. Am Ende finde ich wieder einen fahrbaren Uferweg, der mich an Schrottplätzen und Werksgeländen vorbei durch den Süden der Stadt führt. „Kindermördergegend“ hätte man früher im Ruhrgebiet zu einer solchen Gegend gesagt. Es wundert mich nicht, dass mir hier plötzlich auf dem Radweg ein Streifenwagen der Polizei entgegen kommt.

Mein Uferweg endet abrupt unter einer Brücke im Innenstadtbereich und entlässt mich in eine Gegend, die ausschließlich von Menschen mit nordafrikanischen Wurzeln bewohnt zu sein scheint. Ich fahre einfach in Richtung Westen weiter, hilfreiche Straßenschilder kann ich nirgendwo entdecken, gelange zur Großbaustelle vor dem Südbahnhof der Stadt, frage einige Passanten, um mich zu vergewissern, dass ich noch auf dem richtigen Kurs bin, und verlasse den Innenstadtbereich auf einer großen Ausfallstraße. Was ich von Charleroi gesehen habe, war scheußlich und angetan, mich auf dem schnellsten Wege wieder aus der Stadt zu treiben. An einer Tankstelle mache ich eine späte Mittagspause, esse zwei Sandwichs und trinke etwas aus der Kühltheke. Danach geht es kilometerweit schnurgeradeaus und leider auch stetig bergauf.

Seit dem Vortag habe ich in meinem linken Auge ein Fremdkörpergefühl, das immer unangenehmer wird. Staub und Straßendreck sind auf dem besten Weg, eine Bindehautentzündung zu verursachen. Ich stoppe an einer Apotheke, kaufe gegen die Reizung Augentropfen, die nach einigen Stunden wirken, und erfahre vom freundlichen Apotheker, dass ich die falsche Ausfallstraße erwischt habe und noch weiter nach Westen muss. Der Apotheker lässt leider auch keinen Zweifel daran, dass ich auf dem Weg zu „meiner“ Straße zwei ganz üble Steigungen nehmen muss. Ich folge seiner Wegbeschreibung und stelle fest, dass er nicht übertrieben hat. Mein Herz schlägt hart, ich schnappe nach Luft und muss zum ersten Mal auf meiner Tour kurz vor dem Ende der Steigung aus dem Sattel und schieben. Nach einer rasenden Abfahrt kommt die nächste Steigung gleichen Kalibers, dann wieder eine heftige Abfahrt und ich erreiche erneut die Sambre, bei Montigny.

schöner Ort für eine Pause, das „La Guinguette“ an der Sambre, (c) Michael Kneffel

Hier beginnt nun der schönste Abschnitt meiner bisherigen Tour. Entlang der jetzt sehr idyllischen und stillen Sambre führt ein komfortabler Uferweg an mehreren kleinen Schleusen vorbei in langen Schleifen durch ein sattgrünes Bauernland. An der ersten Schleuse, in der Nähe der Ruine der Abbaye d´Aulne, genehmige ich mir im Restaurant „La Guingette“ eine Pause und einen Kaffee. Der Name gefällt mir. Guingettes hießen früher die beliebten einfachen Ausflugs- und Tanzlokale an den Ufern von Seine und Marne rund um Paris. Seit einiger Zeit sollen sie dort eine Renaissance erleben. In Belgien habe ich damit allerdings nicht gerechnet. Es wird langsam Zeit, nach einem Campingplatz Ausschau zu halten, und die Kellnerin ist sich sicher, dass es etwas außerhalb von Thuin, so heißt der nächste Ort am Fluss, einen kleinen Platz gibt. Nur in Thuin weiß leider kein Mensch davon, und ich setzte meine Fahrt an Lobbes und Fontaine-Valmont vorbei fort. Es ist jetzt offensichtlich die Stunde der Angler. Andere Menschen sehe ich nicht mehr. So spät am Tag war ich sonst nicht mehr unterwegs. Allmählich mache ich mich mit dem Gedanken vertraut, mein Zelt irgendwo in der freien Natur aufbauen zu müssen, als ich in einer Bar in Labuissière noch einmal nachfrage und ein Gast mir den Weg zu dem Campingplatz „La Cascade“ etwas außerhalb beschreibt.

Nach 18:00 Uhr erreiche ich heilfroh, noch was gefunden zu haben, den Platz und merke gleich, dass der etwas anders ist. Eine Ansammlung von Holzhütten in einem am Hang gelegenen Waldstück. Ich komme oben an einer großen Kindergruppe vorbei, die an einer Baracke spielt, die ich für eine Sanitäranlage im weitesten Sinne halte. Ein Teil der Kinder folgt mir bis unten, wo an einem Teich eine Kneipe liegt, und bombardiert mich mit Fragen. Ich frage meinerseits in der Kneipe nach einem Stellplatz und der Wirt kommandiert einen Gast ab, der mir ein Stück Wiese am Teich zuweist. Ich baue das vom Vortag immer noch nasse Zelt auf und mache mich auf die Suche nach den Waschräumen. Ein Junge auf einem Rad rät mir von den Sanitäranlagen ab, die seiner Meinung nach nicht besonders sauber sind. Ich bleibe hartnäckig und er weist mir schließlich den Weg zu einigen Holzhütten. Was ich aus der Entfernung sehe, reicht mir, um schnell wieder abzudrehen. Stattdessen gehe ich zur Kneipe, frage nach dem Preis für die Übernachtung, bekomme von der Chefin des Platzes zu hören, dass sie dafür nichts verlangt. Ich bedanke mich, stelle mich an den Tresen und bestelle erst mal ein Bier. Mit den heftig rauchenden Stammgästen komme ich schnell ins Gespräch, werde von neu Hinzukommenden herzlich und mit Handschlag begrüßt und ansatzlos in die Kneipenfamilie aufgenommen. Große Wandbilder mit Bergbauszenen machen mir klar, dass ich mich immer noch in einer Industrieregion befinde, die aber ihre besten Zeiten schon lange hinter sich hat. Mir kommt der Verdacht, dass die Bewohner des Platzes hier nicht nur ihre Freizeit verbringen, sondern tatsächlich wohnen. Ich esse noch einen Salat, gehe dann die Hütte oben am Hang inspizieren, die wie eine Sanitärbaracke aussah, entdecke eine Duschkabine mit Vorhängeschloss, frage einen älteren Herrn im weißen Bademantel, der entspannt vor einer der Nachbarhütten sitzt, nach der Dusche. Der ruft nach einer Frau in der Nachbarhütte. Ein Junge kommt heraus, hört sich den Fall an, verschwindet und kommt kurz darauf mit einem Schlüssel wieder. Für´s Duschen verlangt er 1,50 Euro. Ich bezahle, werde so doch noch den Staub und Schweiß des Tages los, gebe den Schlüssel zurück und ziehe mich in´s Zelt zurück. Damit ist der Tag aber noch nicht zu Ende. Aus gegebenem Anlass mache ich die Entdeckung, dass man übel riechende Sportschuhe und ihre Innensohlen nachhaltig mit Autan-Insektenspray desodorieren kann. Gegen hungrige Insekten aller Art hat mir das Zeug nicht geholfen, auf Sonnenbrand brennt es wie die Hölle, aber gegen Fußschweiß wirkt es wahre Wunder.

Immer, wenn ich nachts wach werde, und das passiert oft, kläfft ein Hund. Die Nacht ist wieder ziemlich kalt.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 3

03. Tag, Dienstag, 10.05.2011, Eijsden – Sclayn (B), 89,3 km, 9:00-17:00 Uhr

Am Morgen ist das Außenzelt von beiden Seiten nass. Ich lasse mir also mit dem Abbau Zeit, muss das Zelt aber trotzdem reichlich feucht einpacken und sitze kurz nach 9:00 mit zwei Rosinenbrötchen vom Vortag im Magen wieder auf dem Rad. Der Himmel ist grau, es sieht nach Regen aus, und mir ist ganz schön frisch. Es folgen einige schöne Km entlang der Maas auf dem Knotenpunktradweg durch den schönen Ortskern von Eijsden mit einer sehr französisch wirkenden „Brasserie La Meuse“ bis zur belgischen Grenze. Belgien ist hier sofort sehr belgisch. Ansatzlos geht das reich und proper wirkende niederländische Limburg an der Grenze bei Visé in die arm und schmuddelig erscheinende Wallonie über. Zwei völlig unterschiedliche Welten. Faszinierend.

Ich überquere die Maas, bin kurz irritiert durch die veränderten Benennungen der Knotenpunkte (aus niederländisch 12 wird belgisch 412) und frage mich noch, wie lange mein Rad und ich wohl solche Schlaglochpisten aushalten werden, als ich in Haccourt auch schon den breiten und komfortablen Radweg auf dem Westufer des Kanals erreiche, der die Maas begleitet. Auf ihm komme ich flott voran, fahre fast im selben Tempo wie die großen Lastkähne, passiere verschiedene Industriebetriebe und erreiche nach 25 Km Liège. Unterwegs geht das Knotenpunktsystem verloren und der Radweg heißt Ravel 1. Aber das erfahre ich erst später.

In Liège muss ich das Ufer wechseln. Kein Problem, alles bestens beschildert. Im Stadtgebiet verlieren sich dann allerdings die Schilder, ersatzweise orientiere ich mich an den Symbolen des Pilgerwegs nach Santiago de Compostella, merke aber nach einer Weile, dass ich mich gar nicht mehr an der Maas befinde, sondern am Ostufer der Ourthe, die sich im Stadtzentrum mit der Maas vereinigt, und dass ich auf diese Weise viel zu sehr nach Süden von meinem Kurs abkomme. Ich muss zurück, schiebe mein Rad über Kreuzungen mit abartig hohen Bordsteinen, quere zu Fuß eine vierspurige Hauptstraße. Uferwege sind weit und breit keine mehr zu entdecken. Komme an etlichen Industriegebieten vorbei, überquere auf einer autobahnähnlichen Straße die Maas und bin froh, nach etlichen ziemlich scheußlichen Km endlich nach Jemeppe zu gelangen. Dort herrscht gerade Markt im Zentrum, und ich beschließe auf der Terasse enes kleinen Restaurants, das ausnahmsweise nicht mit Pizza, Panini oder Döner wirbt, zu essen, Salat, Spiegeleier, die seltsamerweise „Pferdeeier“ heißen, und die unvermeidlichen Fritten. Inzwischen ist es wieder sommerlich warm. Plaudere mit zwei älteren Damen an den Nebentischen und erfahre, dass es ab Jemalle, dem nächsten Ort, wieder einen Uferradweg geben soll. Mein Versuch, in einem Supermarkt eine Detailkarte der Gegend zu erstehen, bleibt erfolglos. Immerhin erhalte ich den Hinweis auf einen Campingplatz in Bas-Oha. Den Uferradweg finde ich allerdings nicht. Jeder Versuch, wieder an´s Ufer zu gelangen endet im Niemandsland zwischen der Maas und den Verladeanlagen von Industriebetrieben oder in Gestrüpp und Morast. Einmal mehr bewundere ich mein altes Rad dafür, was es alles wegsteckt. Schließlich gehe ich auf die N 617 und komme über Amay bis Huy, das von einem AKW dominiert wird. Sehr gemütlich.

Seit der niederländischen Grenze habe ich so ziemlich alles an Industrie erlebt, was man sich vorstellen kann. In dieser Region wird wirklich noch produziert und malocht wie im Ruhrgebiet vor 20 und mehr Jahren. Ich habe eine Menge Staub geschluckt und kann manchmal den Dreck zwischen den Zähnen und in den Augen spüren.

Hinter Huy wird es allmählich wieder etwas ländlicher. Der angepeilte Campingplatz in Bas-Oha erweist sich leider als so trostlos und dreckig, dass ich schleunigst weiter fahre bis Andenne. Im Touristenbüro des lebhaften Städtchens frage ich nach Campingplätzen und bekomme zu hören, dass ich dafür weit zurück fahren müsste, am besten nach Bas-Oha. Darauf kann ich gut verzichten. Auf die Frage nach einem Chambre d´Hotes, einem Gästezimmer bei privaten Vermietern, telefonieren die beiden Damen des Büros etwas herum und geben mir schließlich die Adresse von „L´Écluse“ im kleinen Sclay, wenige Km maasabwärts, direkt am Ufer. Das Haus mit der Fassade einer alten Kneipe liegt tatsächlich sehr schön. Empfangen werde ich von der Tochter des Hauses, später kommen die Eltern, die mich zum Bier einladen, und wir plaudern sehr nett über deren Radreise vor zwei Jahren auf dem Pilgerweg nach Tours und über meine Planung und Route. Das Zimmer erweist sich als ganzes Dachgeschoss mit großem Bad und Klimaanlage, die ich bald abschalte, um nicht einzufrieren. Beim Duschen stelle ich fest, dass mein Hinterteil gelitten hat. Ich verarzte mich mit Hirschtalg-Fußcreme von DM. Was für die Füße gut ist, kann dem Hintern nicht schaden.

Das Restaurant des Ortes ist so fürchterlich auf modern und „cool“ getrimmt, dass ich sofort wieder abdrehe. Die Fritterie des Ortes finde ich allerdings mal wieder nicht und gehe schließlich nach einem Apfel aus den Vorräten meiner Gastgeber in´s Bett. Auf dem Treppengeländer finde ich getrocknet und zusammengelegt meine Radkleidung, die ich nach der Ankunft gewaschen und in den Garten gehängt hatte.

Für die Übernachtung und das reichhaltige Frühstück zahle ich am nächsten Morgen 40 Euro.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 2

2. Tag, Montag, 09.05.2011, Reuver – Eijsden, 95,3 km, 9:00-17:00 Uhr

Ich stehe kurz vor 8:00 Uhr auf und bin um 9:00 Uhr startklar. Die Nacht war kurz und laut. Am Vorabend haben meine Nachbarn noch lange munter miteinander geplaudert, am frühen Morgen machen zwei Tauben direkt über mir ordentlich Radau, aber der Clou ist ein campingplatzeigener Pfau der x-Mal in der Nacht auf andere Geräusche reagiert und aus voller Kehle sein Warn-Geschrei anstimmt. Fühle mich trotzdem fit und fahre ohne Frühstück los. Weit und breit kein Café, keine Einkaufsmöglichkeit.

Anfangs versuche ich es mehrfach mit den Knotenpunkt-Radwegen entlang der Grenze Richtung Süden, gerate dabei aber immer wieder auf schotterige oder sandige Wald- und Feldwege, für die mein Rad zu schwer und seine Reifen zu schmal sind. Schließlich wechsle ich auf die breite Landstraße und erreiche Roermond, als die ersten Cafés gerade öffnen. Freue mich auf ein gutes Frühstück, bekomme aber in einem eigentlich ganz gut aussehenden Café am Hauptplatz der Stadt zum Kaffee tatsächlich nur Panini und Pizza angeboten. Am frühen Vormittag! Bin ziemlich konsterniert. Arme Niederlande! Was gab es hier in meiner Jugend überall für leckere Sachen zum Frühstück. Offene Bäckereien finde ich auch nicht. Dafür erstehe ich im benachbarten Touristenbüro VVV endlich eine ANWB Fietskaart, auf der die Radwege und Knotenpunkte entlang der Maas bis zur belgischen Grenze verzeichnet sind. Frage trotzdem nach Fernradwegen und bekomme die Empfehlung, dem LF3 auf der anderen Maasseite zu folgen. Die Maas in Roermond ist ziemlich breit, der Wind auf der Brücke heftig, so dass es eine Weile dauert, bis der Radweg in Sicht kommt bzw. die Großbaustelle, als die sich der Radweg dann erweist, völlig eingezäunt und unbefahrbar. Das Kartenstudium ergibt, ich muss wieder zurück in die Stadt und auf die andere Seite der Maas. Die Erfahrung, dass die Mitarbeiterinnen von Touristenbüros selbst in Hochburgen des Radtourismus (wie z.B. an der Loire) offensichtlich selbst nicht mit dem Rad fahren und keine Kenntnis von den Gegebenheiten in ihrer Region haben, werde ich noch einige Male machen.

Nach einem weiteren Versuch mit einem durch den Ort mäandrierenden Radweg gebe ich auf und fahre auf der Hauptstraße Richtung Sittard weiter. Mein „Frühstück“ nehme ich dann gegen Mittag an einer Tankstelle. Ausgerechnet! Käsebrötchen und zwei Bananen-Maracuja-Drinks. Sittard erweist sich als ebenso malerisch wie Roermond. Ich fahre langsam durch den Stadtkern, komme bei der Ausfahrt zu weit nach Osten ab, frage mich durch und treffe schließlich wieder auf die Straße nach Maastricht, meinem nächsten Etappenort. Um 15:00 Uhr beginnt es, für kurze Zeit heftig zu regnen, und ich fahre einige Km in voller Regenmontur: Regenjacke, -hose, -gamaschen und Helmüberzug.

Am Nordrand von Maastricht entscheide ich mich wieder für einen der ausgeschilderten Radwege und lerne prachtvolle Herrenhäuser in eindrucksvollen Parkanlagen kennen. Die Innenstadt durchquere ich schnell auf dem östlichen Maasufer, um zu dem Campingplatz am Südrand der Stadt zu gelangen, den ich auf der Karte entdeckt habe. Er gehört schon zur Gemeinde Eijsden, ist sehr nett und bietet einen schönen Blick auf den Fluss und die Hügel auf dem anderen Ufer. Die Übernachtung kostet 7,50 Euro plus 50 Cent für die Dusche. Ich baue bei leichtem Regen mein Zelt auf, wasche Hemd, Unterhemd und die Radhose, finde eine alte Wäscheschleuder und klammere meine Sachen zum weiteren Trocknen außen am Zelt fest. Nach dem Duschen mache ich mich auf die Suche nach Nahrung. Im Nachbarort soll es trotz des Montagabends eine offene Pizzeria und eine Art Imbiss geben. Ich fahre einige Kilometer, suche intensiv, finde aber nichts. Schließlich kaufe ich im winzigen Campingplatzladen auf, was einigermaßen nahrhaft aussieht, und mache mir Käsebrote. Dazu gibt´s Fruchtjoghurts und Bier aus der Dose. Zum Glück gibt es auf diesem Platz zwei Picknick-Plätze, stabile Tische und Bänke, so dass ich nicht auf dem Boden sitzen muss. Nur wenige Plätze bieten Fahrradtouristen und Wanderern diesen Komfort, wie ich in den folgen Tagen feststellen werde.

Der Abend ist deutlich kühler als der Vorabend. Im Laufe des Tages hat meine rechte Wade gemuckt. Am Abend fühlt sich die ganze Kniekehle etwas verhärtet an. In der Nacht wird es mir ganz schön kühl in meinem alten Daunenschlafsack.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich 4 – Generalprobe erfolgreich

mein Drahtesel als Packesel, (c) Michael Kneffel

Gestern war Generalprobe für meine Fahrt. Zum ersten Mal habe ich das Rad nahezu komplett beladen und bin eine Strecke von knapp 50 Km gefahren. Anfangs kam es mir so vor, als würde der Lenker wackeln wie ein Lämmerschwanz, mein Starttempo war deutlich niedriger als an den Vortagen, dafür schnellte mein Puls in ungewöhnte Höhen, die erste längere Steigung nahm ich im kleinsten Gang. Nach 3-4 Km und auf ebener Strecke lief es dann aber schon ausgesprochen gut. In Essen-Kettwig schickte mich leider eine offizielle Radweg-Umleitung ziemlich steil hinunter an die Ruhr und mitten in´s Schotterbett einer Großbaustelle. Über Kilometer wird hier der Radweg erneuert. Essen,  die angebliche so fahrradfreundliche Stadt, kämpft offensichtlich engagiert weiter um die mehr als einmal gewonnene „Rostige Speiche“. Ich kann mir gut vorstellen, welcher Sturm der Entrüstung durch die Lokalzeitungen tobte, wenn eine Umleitung für PKW so endete. Nach einigen Meter im Schotter wechselte ich auf die Traktorspur im benachbarten Getreidefeld und bewunderte mein Rad und insbesondere die alten Reifen dafür, wie sie mit dieser Wegstrecke fertig wurden. Ein Rad, das Essener Straßen und Wege aushält, kommt auch bis nach Südfrankreich!

Lieber auf den Acker oder in den Schotter? (c) Michael Kneffel

Durch Kettwig ging es dann auf normalen Straßen und im dichten Feierabendverkehr entlang der Ruhr nach Essen-Werden. Am Baldeneysee stellte sich dann endlich ein, worauf ich bei meiner Frankreichtour so freue: entspanntes, lautloses Gleiten durch eine schöne Landschaft.

Natürlich war es etwas anstrengender mit dem vollen Gewicht zu fahren, aber ich hatte am Ende überhaupt nicht das Gefühl, mich verausgabt zu haben. Schon nach den vier Wochen Vorbereitung spüre ich, wie sich mein Gesamtkonstitution erheblich verbessert hat. Den kommenden Wochen in Frankreich sehe ich gelassen und mit großer Vorfreude entgegen.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich 3 – Die Vorbereitung ist fast abgeschlossen

in der Bretagne 2001, (c) Michael Kneffel

So! Meine Routenplanung ist abgeschlossen. Am tiefsten in´s Detail gegangen bin ich für die Strecke zwischen Belgien und Paris, weil ich in dieser Gegend noch nie Rad gefahren bin. Sehr geholfen hat mir dabei eine Streckenbeschreibung auf der Seite www.radweit.de. Auf dieser Seite werden in der Hauptsache deutsche Routen beschrieben, aber ein paar wenige in Frankreich sind eben auch dabei. Für Nordfrankreich habe ich mir inzwischen auch IGN-Karten im Maßstab 1:100.000 angeschaft, die ich wärmstens empfehlen kann. Relativ viel  Zeit habe ich noch darauf verwendet, einen möglichst komfortablen Weg an der Seine aus Paris heraus in Richtung Südwesten zu finden. In einschlägigen Foren und mit Hilfe von Google habe ich einige Tipps bekommen, ganz eindeutig war das aber alles nicht. Ein paar Mal scheint die Flußseite gewechselt werden zu müssen, wo genau, werde ich dann hoffentlich vor Ort rechtzeitig erkennen. Verlassen werde ich die Seine in Moret-sur-Loing, um dann dem Canal de Loing bis Montargis zu folgen und von dort einem nicht mehr genutzten Kanal bis Orleans. Ab dort wird es dann für mich einfach, weil ich südlich der Loire fast überall schon mal geradelt bin. Bis zur Mittelmeerküste werden mir die gelben Michelin-Karten im Maßstab 1.200.000 reichen.

Radeln in Paris 2001, (c) Michael Kneffel

Die Routenpanung war natürlich nur ein Teil der bisherigen Vorbereitung. Daneben ging es auch darum, mir eine Grundkondition zu verschaffen, um überhaupt über die ersten Etappen von täglich 50 Kilometern zu kommen. Vor vier Wochen etwa habe ich damit begonnen, jeden zweiten Tag meine „Hausstrecke“ von Essen-Rüttenscheid nach Essen-Steele zu fahren, hin und zurück 14 Kilometer, mit einer langen Abfahrt / Steigung. Seit zwei Wochen ungefähr fahre ich täglich, erst um die 25 Km, heute zum ersten Mal über 50 Km. Ohne Gepäck ließ sich die heutige Trainingsfahrt trotz des starken Ostwinds ziemlich mühelos in drei Stunden schaffen. Bis zum 8. werde ich noch einige Km zulegen und auch Gepäck mitnehmen, Zelt, Schlafsack, Isomatte – alles was sich schnell verstauen läßt. Inzwischen habe ich auch beschlossen, mit zwei kleineren alten Ortlieb-Taschen am Vorderrad und zwei großen und noch älteren Karrimor-Taschen am Gepäckträger zu fahren. Dazu kommt eine geräumige Ortlieb-Lenkertasche. Zelt und Isomatte werde ich ebenfalls auf dem Gepäckträger befestigen. Während des extremen Pollenflugs der letzten Wochen, gegen den Staub der zurückliegenden Trockenzeit und gegen die abendlichen großen Insektenschwärme hat mir ein Halstuch beste Dienste geleistet. Nie mehr ohne! Nach einer sehr feuchten Gewitterfahrt in dieser Woche habe ich mir außerdem schnellstens eine Regenhaube für meinen Helm und wasserdichte Gamaschen für die Schuhe zugelegt. Nach einer Regenfahrt am nächsten Morgen wieder in klätschnasse Schuhe steigen zu müssen, stelle ich mir nämlich nicht sehr prickelnd vor. Meinen Lenker habe ich außerdem durch neue Handgriffe mit verstellbaren „Hörnern“ aufgemotzt. Das sieht bizarr aus, ist aber sehr angenehm und hilft mir vor allem, ab und zu mal eine aufrechtere Position einzunehmen, um die Schultern und den Rücken zu entlasten und solche starken Winde wie heute „abzusegeln“. In Frankreich ist übrigens eine Warnweste für alle Radler bei schlechten Sichtverhältnissen und in der Nacht Pflicht.

Bizarr, aber sehr wohltuend, meine neuen Griffe, (c) Michael Kneffel

Mit den gestern gekauften Ersatzteilen (Kette, Schlauch, Schaltzug, Bremszüge) ist das Rad jetzt komplett. Für das Zelt fehlt mir noch eine leichte, aber strapazierfähige Unterlegplane. Die Kommunikationsfrage ist auch gelöst. Ich habe mein iPhone entsperren lassen, so dass ich in Frankreich eine Prepaid-Karte eines französischen Anbieters einlegen und dadurch deutlich günstiger telefonieren und in´s Internet gehen kann. Außerdem habe ich meinen deutschen Vertrag gewechselt und kann nun auch damit – bis zu gewissen Grenzen – relativ preiswert im Ausland den Kontakt nach Hause halten.

Französische Apps für das iPhone lassen sich übrigens leicht über iTunes herunterladen. Wenn man den genauen Namen schon kennt, geht das einfach über die deutsche iTunes-Version, ansonsten muß man zur französischen Version wechseln (ganz unten rechts auf der App-Store-Seite den schwarz-rot-goldenen Button anklicken und dann auf der sich neu öffnenden Seite den blau-weiß-roten Button auswählen), sich dort informieren, das Passende aussuchen, dann zurück zur deutschen Version gehen und dort herunterladen. Direkt von der französischen Seite zu laden, klappt leider nur, wenn man auch ein französisches iTunes-Konto hat. Die Wettervorhersagen von MeteoFrance sind jedenfalls klasse.

In der verbleibenden Woche werde ich mich um die Rückfahrt mit der Bahn kümmern. Wenn man vorher reserviert, kann man sein Rad auch im TGV mitnehmen. Leider sind die Reservierungen nur in Frankreich möglich und im SNCF-Büro am Kölner Hauptbahnhof. Auf der Seite www.velo.sncf.com kann man sich aber vorab schon mal informieren, auf welchen Strecken und in welchen Zügen die Fahrradmitnahme möglich ist.

Ansonsten werde ich mal versuchen herauszubekommen, wo auf meinem Weg Campingplätze liegen und ob sie im Mai schon geöffnet sind. In den neuen Michelin-Karten sind sie nicht mehr verzeichnet. Zum Glück habe ich aber noch viele alte Karte.

Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich 2 – Radrennen, Radpilgern oder Radwandern? Und wie komme ich an gute Karten?

Das Thema „Mit dem Rad durch Frankreich“ scheint in der Luft zu liegen und viele Menschen zu faszinieren. Fast alle, mit denen ich seit Ende März über mein Vorhaben geredet habe, bekamen leuchtende oder sehnsuchtsvolle Augen und beteuerten, dass sie am liebsten mitfahren würden. Stephan Hermsen, Redakteur der NRZ berichtete in der gestrigen Ausgabe über seine Radtour vom Niederrhein nach Paris in vier Tagen http://www.derwesten.de/leben/reise/Mit-dem-Fahrrad-in-vier-Tagen-aus-dem-Ruhrgebiet-nach-Paris-id4567681.html. Auch er nutzte am Anfang die schönen Radwege entlang der Maas in den Niederlanden und in Belgien, folgte dem Fluß dann aber bis weit nach Frankreich hinein und kam auf diesem Weg arg in die Berge der Ardennen und der Champagne. Mit Tagesetappen von bis zu 192 Km erinnert mich seine Tour eher an ein Radrennen als an eine Radreise oder Radwanderung, wie sie mir vorschwebt.

Am Anfang meiner Suche nach einer geeigneten Route, bekam ich aus dem Freundeskreis den Hinweis auf auf eine Bocholter Gruppe, die 2008 mit dem Rad nach Santiago de Compostela gepilgert ist http://www.jakobsweg.kilu.de/html/. Um dieser Planung zu folgen, muß man aber sehr fit sein und einen gewissen Hang zur Selbstkasteiung besitzen, wie er Pilgern ja möglicherweise eigen ist. Die Tagesetappen waren zwischen 120 und 170 Km lang und führten munter alle möglichen Berge hinauf, in tiefe Flußtäler hinunter und auf der anderen Seite gnadenlos wieder bergauf. Nichts für mich! Ich bin zur Zeit noch nicht besonders in Form und möchte die Fahrt gerade auch dazu nutzen, meine Kondition allmählich wieder aufzubauen. Also brauche ich einen anderen Plan.

Seit Jahren schon geht mir die Idee durch den Kopf, für eine längere Radtour in Frankreich die Treidelpfade an den vielen Kanälen zu nutzen, die das Land durchziehen und auch durch bergige Regionen führen. Auf früheren Fahrten bin ich immer wieder mal mit solchen Kanälen in Berührung gekomme, habe das entspannte Radeln auf den ebenen Strecken sehr genossen. Nur an den Schleusen müssen auf kurzen Rampen einige Höhenmeter genommen werden, danach geht es dann wieder kilometerlang nahezu mühelos weiter. Irgendwann Anfang der 90er Jahre habe ich dann schon mal eine Karte der französichen Schifffahrtswege im Maßstab 1/1.428.000 von 1987 erstanden, die „Carte Vagnon No. 1 – Carte de France des voies navigables“, die seitdem in einer Schublade schlummerte. Mit ihrer Hilfe habe ich die grobe Routenplanung vorgenommen, über die ich vorgestern berichtet habe. Die weitergehenden Fragen lauten nun, gibt es an den verzeichneten Flüssen und Kanälen auch tatsächlich befahrbare Treidelpfade oder sogar ausgebaute Radwege, in welchen  Karten sind sie verzeichnet und wie komme ich an diese Karten?

Normalerweise kann man in Frankreich hervorragend nach den gelben Michelin-Straßenkarten im Maßstab 1/200.000 Rad fahren, wenn man die rot markierten Hauptstrassen meidet, die gelb markierten auch nur selten benutzt und sich vor allem an die weiß markierten Nebenstrecken hält. Nur die Radwege, die in den letzten Jahren in großer Zahl entstanden sind und auf alten Bahntrassen oder eben an Kanälen und Flußufern abseits des Autoverkehrs durch die Regionen führen, sind dort nicht abgebildet.

Auf der französichen Internetseite http://www.af3v.org werden unter dem Titel Les Véloroutes et Voies Vertes de France  einige dieser „voies vertes“ ( „grüne Wege“) gezeigt. Dort findet sich auch der Hinweis auf den geplanten transeuropäischen Radweg EV3, den „Pilgerweg Trondheim – Santiago de Compostela“, der in seinem französichen Teil ziemlich genau meiner groben Routenplanung entsprechen und einige „voies vertes“ nutzen wird. Leider werden auf dieser Seite nur ganz wenige Teilstücke im Detail beschrieben. Aber immerhin. Besser als nichts!

Wählt man auf Google Earth die Einstellung „Maps“, sieht man dort auch die Leinpfade, die als „Chemin de Halage“ bezeichnet werden. Für die Vorbereitung kann das noch hilfreich sein. Später auf dem Rad nützt mir Google Earth leider herzlich wenig. Ich müßte schon ein iPad dabei haben und dafür einen Vertrag mit einer französischen Telefongesellschaft abschließen.

Nach den Feiertagen werde ich im Buchhandel mal nach französischen IGN-Radwanderkarten fahnden, die es zumindest für einige ausgesuchte Regionen geben soll.  Im Moment sieht es so aus, als könnte die Feinplanung meiner Route eine ausgesprochene Puzzlearbeit werden.