Mit dem Rad von Essen nach Südfrankreich – Tag 14

14. Tag, Samstag, 21.05.2011, Chinon – Chatelleraut, 72 km, 8:30 – 17:00 Uhr

Um 4:00 Uhr werde ich wach. Einige Leute unterhalten sich lange laut und aufgeräumt in meiner Nähe. Es klingt, als sei der Platz-Manager dabei. Nach zwei Wochen Radtour weiß ich, dass jemand, der mal in Ruhe durchschlafen möchte, nicht im Zelt auf einem Campingplatz übernachten sollte. Um 6:30 Uhr stehe ich auf, zwei Stunden später fahre ich los, kaufe im Ort zwei Karten für die Gegend um Poitiers, versorge mich beim Bäcker und quäle mich die üble Steigung in die Oberstadt hinauf. Dort frühstücke ich und mache mich dann auf die Suche nach dem Fahrradladen, den ich schließlich am Rande des Gewerbegebietes finde. Innerhalb einer Stunde bekomme ich zwei neue Mäntel aufgezogen, diesmal von Continental, deutlich breiter als die bisherigen und mit mehr Profil, aber ich bin froh, in diesem kleinen Ort überhaupt eine gute Werkstatt und passende Ersatzteile gefunden zu haben. Der Mechaniker ist der Meinung, dass zu hoher Druck dem alten Reifen zum Verhängnis geworden ist. In die neuen gibt er mir nur 3 bar Druck und meint, das sei ausreichend. Für die Reparatur zahle ich 50 Euro.

Wieder unten in der Stadt angekommen, sehe ich dass es einen kostenlosen Aufzug für Fußgänger und Radfahrer in die Oberstadt gibt. Ich verlasse die Stadt auf dem Nordufer der Vienne, finde das Fahren reichlich mühsam und schiebe das auf den heftigen Wind, die hohen Temperaturen und den höheren Rollwiderstand der neuen Reifen. In L´Ile Bouchard esse ich früh und miserabel zu Mittag. Das Restaurant sah einladend aus, aber was auf den Teller kommt, stammt wahrscheinlich aus der Kühltheke des billigsten Supermarkts der Gegend. Fürchterlich. Auf der anderen Seite des Flusses geht es weiter bis Dangé-St-Romain. Die Straße ist topfeben, meine Durchschnittsgeschwindigkeit ist trotzdem niedriger als an allen Tagen zuvor. Im Ort treffe ich vor einer Bar vier niederländische Radpilger aus der Gegend von Nijmegen, von denen einer einen Platten flickt. In 14 Tagen sind sie wie ich um die 1100 km gefahren, allerdings auf der „offiziellen“ Pilgerroute. Nach einem großen Café au lait und einem Erdbeertörtchen aus der gegenüberliegenden Bäckerei läuft es bei mir wieder besser. Ich nehme mir vor, in Chatellerault zu übernachten, dort soll es einen Campingplatz geben. Die Stadt ist allerdings alles andere als einladend. Mein Verdacht ist, dass sich das berühmte, ungefähr 20 km entfernte Poitiers aller sozialen und städtebaulichen Probleme, die den Tourismus stören könnten, in Chatelleraut entledigt hat. Nach längerer Suche finde ich den Campingplatz hinter einem Gewerbegebiet am Südostrand der Stadt, an einer Bahnlinie mit viel Güterverkehr. Auf dem Platz begegnen mir zunächst 15 bis 20 junge Männer mit langen Bärten in weißen Gewändern, die ich für strenggläubige Muslime halte. Weiter hinten auf dem Platz spielt eine Gruppe junger Männer mit nordafrikanischen Wurzeln Fußball. Ständig kommen und gehen Jugendliche, die ganz offensichtlich nicht auf dem Platz wohnen. Daneben scheint es junge Familien mit mehreren Kindern zu geben, die hier dauerhaft beheimatet sind. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper und bin froh, dass nach mir noch drei niederländische Radpilger ihre Zelte aufbauen. Später kommt ein belgischer Fußpilger mit Hund dazu. Als mein Zelt steht, meine Sachen gewaschen sind und ich geduscht bin, fahre ich zu einem großen Carrefour-Supermarkt in der Nähe und kaufe etwas zu essen und zu trinken ein. Während meines abendlichen Picknicks unterhalte ich mich mit den Pilgern. Über den Himmel ziehen dunkle Gewitterwolken, aus der Ferne ist Donner zu hören, es bleibt aber trocken.

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